Seiten

Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 21. Dezember 2012

[FREIHANDbuch] The Sophie Project: Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute

[eText] Online: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart - Gedichte und Lebensläufe. Bei der Auswahl war nicht Repräsentativität die Richtschnur, sondern der Versuch, eine Tradition weiblicher Lyrik zu erschließen, an der die Entfaltung weiblichen Selbstbewußtseins ablesbar ist.

 [Set Art Free!] LINK ➨  
[FREIHANDbuch] The Sophie Project: Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute
31. 12.12 [Letzte Aktualisierung  31.12.12] Das Vorarlberger Bloghaus verlinkt interessante Weblogs.

Freitag, 27. April 2012

Das Lied von Bernadette

Am 27. Juni 1940 treffen Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel in Lourdes ein, wo sie für fünf Wochen bleiben. Sie sind auf der Flucht vor den Nazi-Schergen. "Das Lied von Bernadette" wird Werfels kommerziell erfolgreichstes Werk werden, so erfolgreich dass er sich in Beverly Hills ein Haus kaufen kann.


Bernadette. Die Machtergreifung der Nazis und die Verbrennung auch seiner Werke zwang Werfel mit Alma ins Exil. Ab 1933 sah er im Weltgeschehen mehr und mehr das Katastrophale, verfiel zusehends in Pessimismus und setzte als Ersatz für eine gesellschaftliche Perspektive religiöse und mythische Leitbilder. Am 27. Juni 1940 auf der Flucht vor dem vorrückenden deutschen Militär in Lourdes gestrandet, beschäftigte sich Franz Werfel mit der Lokalgeschichte der heilig gesprochenen Bernadette Soubirous. Er gelobte, einen Roman über sie zu schreiben, falls ihm die Flucht nach Amerika gelinge. 
Aus diesem Vorsatz wurde "Das Lied von Bernadette", ein Roman, der später in Hollywood erfolgreich verfilmt wurde. Henry Kings stark besetzte, preisgekrönte Filmbiographie mit Jennifer Jones, Vincent Price und Lee J. Cobb, wurde mit vier Oscars ausgezeichnet. Jennifer Jones erhielt für ihr grandioses Filmdebut den Oscar als beste Schauspielerin. Das Werk seines Gelübdes, der Roman "Das Lied von Bernadette"  wird beim Verlag Bermann-Fischer in Stockholm und beim Verlag Hamilton in London veröffentlicht. Die Realisierung des Romans ist nicht nur die Erfüllung eines bei der Flucht aus Frankreich 1940 abgelegten Gelübdes sondern erleichterte den Start in der Neuen Welt: In den USA wurde der Roman so erfolgreich verkauft, dass Werfel sich in Beverly Hills ein Haus kaufen konnte.
Alma Mahler. 1929 heiratet Franz Werfel Alma Mahler, die Witwe von Gustav Mahler. Die Liste der prominenten Liebhaber und Ehemänner von Alma Mahler ist lang. Sie reicht von Komponisten wie Alban Berg und Benjamin Britten, der ihr eine Komposition widmete, über Arnold Schönberg und Igor Strawinsky bis zu Schriftstellern wie Erich Maria Remarque oder zu Sigmund Freud. Sie war mit Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel verheiratet, pflegte ein Liebesverhältnis mit Oskar Kokoschka, und Gerhart Hauptmann war unsterblich in sie verliebt. Die (Männer-) Nachwelt schildert sie deshalb gerne als "femme fatale" und übersieht ihre Leistungen. 
Ägypten 1920
Alma Schindler studierte seit 1897 bei Alexander Zemlinsky Komposition. Sie hat Lieder, Instrumentalstücke, auch den Beginn einer Oper komponiert. 1902 heiratete sie den zwanzig Jahre älteren Komponisten Gustav Mahler: "Die Rolle des Komponisten ... fällt mir zu, - Deine ist die der liebenden Gefährtin...!" Sie gehorcht, widerstrebend. Als Mahler sich nach einer Ehekrise plötzlich für ihre Kompositionen begeistert - fünf ihrer Lieder lässt er drucken -, hat sie längst resigniert: "Zehn Jahre verlorene Entwicklung sind nicht mehr nachzuholen. Es war ein galvanisierter Leichnam, den er neu beleben wollte."

Sie beeinflusst, inspiriert und organisiert Leben und Ruhm von Franz Werfel. Ihm war sie Geliebte, "Zauberfrau" und Lebensstütze. Ihm ist sie in einer abenteuerlichen Flucht über die Pyrenäen aus dem französischen Exil Sanary-sur Mer nach Spanien und Portugal gefolgt. In ihren Erinnerungen schreibt sie: "Gott vergönnte mir, die genialen Werke unserer Zeit zu kennen, ehe sie die Hände ihrer Schöpfer verließen. Und wenn ich für eine Weile die Steigbügel dieser Ritter des Lichts halten durfte, so ist mein Dasein gerechtfertigt und gesegnet."
Flucht. In dieser Zeit unternimmt Franz Werfel Reisen nach Ägypten, Palästina und Italien. Anfang 1938 verbrachten die Werfels einige Wochen Erholungsurlaub auf Capri. Am 12. März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht, vom Großteil der österreichischen Bevölkerung bejubelt, in Österreich ein. In den ersten Tagen nach Hitlers Einmarsch wurden alleine in Wien 67.000 Menschen verhaftet. Werfels Freund Egon Friedell entging seiner Verhaftung, indem er sich mit einem Sturz aus dem Fenster selbst tötete.
Alma Mahler-Werfel verließ Wien mit ihrer Tochter fluchtartig, fuhr zuerst nach Prag und dann nach Mailand, wo sie sich mit ihrem verzweifelten Mann traf. Von dort fuhren sie nach Zürich zu Werfels Schwester, dann nach Paris. Ende 1939 überlegen die Werfels, im Besitz eines Visums, in die USA auszureisen, entschließen sich aber das erst dann zu tun, wenn kein Rettungsweg mehr übrig ist oder Krieg ausbricht. Nachdem Hitler am 1. September 1939 den Einmarsch in Polen befiehlt, erklären Frankreich und England Deutschland den Krieg. Mitte September 1939 meldet sich Werfel freiwillig zur tschechoslowakischen Legion, wird aber im Dezember 1939 vom Regimentsarzt als kriegsuntauglich erklärt. Die Werfels leben nun in einem Pariser Hotel in ständiger Angst vor Bombenangriffen und mit dem deutschen Überfall auf Frankreich. Zwischenzeitlich ist das USA-Visum verfallen und die Werfels versuchen die nächsten Wochen verzweifelt, ein neues zu bekommen.
Anfang Juni 1940 marschiert Hitler in Frankreich ein und erobert ohne nennenswerten Widerstand am 14. Juni 1940 Paris. Die Werfels flüchten nun Richtung Spanien und machen sich auf den Weg nach Bordeaux – Biarritz, Bayonne – Hendaye St. Jean-de-Luz. Als die deutschen Truppen an demselben Tag wie die Werfels die Grenzstädte zu Spanien erreichen, flüchten sie weiter nach Pau – der Pyrenäenhauptstadt und von dort aus nach Lourdes, wo sie am 27. Juni 1940 eintreffen. Fünf Wochen bleiben sie in Lourdes und Anfang August erhalten sie Passierscheine zurück nach Marseille. Dort wohnen sie unter falschem Namen und erhielten nach einer persönlichen Intervention des amerikanischen Außenministers Hull Durchreisebewilligungen für Spanien und Portugal sowie das Visum für die USA.
 Link ➨        Free mp3: Franz Werfel rezitiert: Lächeln Atmen          
Ein erster Fluchtversuch per Boot nach Nordafrika scheitert. Die aus den Werfels, Nelly und Lion Feuchtwanger, Golo Mann und Heinrich Mann bestehende Flüchtlingsgruppe darf auch die Grenze nach Spanien, wegen fehlenden Visas, nicht passieren. Es wird stündlich damit gerechnet, dass Flüchtlinge beim Versuch des Grenzübergangs verhaftet werden. So bleibt am 13. September 1940 nur noch die beschwerliche Flucht mit Heinrich Mann zu Fuß über die Pyrenäen. Ein Monat später erreicht Franz Werfel an Bord des Dampfers "Nea Hellas" den Hafen in New Jersey und somit sein Exil in den USA. Im selben Jahr wurde Alma Mahlers geistig behinderte Schwester Grete von den Nazis ermordet.

Werfel verarbeitet seine Flucht in dem Drama "Jacobowsky und der Oberst", das er zwischen 1941-2 im amerikanischen Exil schrieb. Er erzählt die Geschichte mehrerer Personen, die vor den Nazis 1944 auf der Flucht sind. Schauplatz ist das von den Deutschen besetzte Frankreich, der Vormarsch auf Paris steht kurz bevor. In einem Hotel begegnen sich die Reisenden, die erst nach einigen Verwicklungen die gemeinsame Reise nach Süden antreten. Die Hauptperson ist ein polnischer Jude namens Jacobowsky, der sich zum wiederholten Male auf der Flucht befindet und mit Galgenhumor und Liebenswürdigkeit alle Krisensituationen meistert. Dem augenzwinkernden, humorvollen und auch ein wenig melancholischen Jacobowsky steht Oberst Stjerbinsky gegenüber, ein polnischer Militarist, der antisemitische Ansichten hat und eine Geheimmission wegen seiner Geliebten aufs Spiel setzt. Der brummige und eher eindimensionale Charakter des Oberst, der lieber den Ehrentod sterben würde als über eine Alternative in seinem Handeln, über eine zweite Möglichkeit nachzudenken und der tiefsinnige Jude - dieser Gegensatz und nicht ohne Humor und Witz bestimmt das Drama.
Franz Werfel. Werfel (* 10. 9. 1890 Prag, † 26. 8. 1945 Beverly Hills) ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Zwischenkriegszeit. Die Frömmigkeit seiner Kinderfrau, der Besuch der Privatvolksschule der Piaristen und die barocke Katholizität seiner Heimatstadt prägen den jungen Werfel: Zu einem Leitmotiv des dichterischen Werks wird die Konspiritualität von Christus und Israel. Trotz dieses Naheverhältnisses zum Christentum und Katholizismus empfängt Franz Werfel im September 1903 die Bar Mizwa in der Prager Mayslsynagoge. Er ist unter anderem mit Franz Kafka, Willy Haas, Ernst Deutsch, und Max Brod befreundet. 1912 Lektor beim Kurt-Wolff-Verlag zu Leipzig; unter seiner Mitverantwortung erscheint die expressionistische Schriftenreihe Der jüngste Tag; Begegnung mit Rilke, Freundschaft mit Hasenclever, Karl Kraus. 1915-17 als österreichischer Soldat im 1. Weltkrieg an der ostgalizischen Front bis 1917 die Versetzung ins Wiener Kriegspressequartier erfolgt. Er heiratet 1929 Alma Mahler-Werfel, emigriert 1938 nach Frankreich und 1940 in die USA.
Frühe Berühmtheit. In den 20er und 30er Jahren einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Popularität erreicht er vor allem aufgrund seiner epischen Werke, über die aber Werfel selbst seine Lyrik setzte. Bis heute unterschätzt werden seine Dramen. Er wurde mit Gedichtbänden wie "Der Weltfreund" (1911), "Wir sind" (1913) und "Einander" (1915) zu einem der Hauptvertreter des Expressionismus, während seine psychologisierenden Dramen ("Spiegelmensch", 1921; "Bocksgesang", 1922) nur durchschnittlich angenommen wurden. Sein umfangreiches episches Werk entstand zwischen 1920 und 1945. In Romanen wie "Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig" (1920) oder "Höret die Stimme" (1937) thematisiert Werfel teilweise unter Verwendung historischer Stoffe soziale Entwicklungen seiner Zeit. Wiederkehrende Themen sind Humanität und das Ringen um ein ethisch fundiertes Christentum ("Die 40 Tage des Musa Dagh", 1933) sowie scharfsichtige Zeitkritik ("Barbara oder Die Frömmigkeit", 1929). In "Verdi" (1924) strebt er die Verknüpfung von Poesie und Musik an. Sein autobiographisch geprägter Reiseroman "Stern der Ungeborenen" erschien postum.
27.4.12

B. Traven: Die Bücher des Caoba-Zyklus ("Mahagoni Serie")

In den dreißiger Jahren folgten die sechs Bände der brutal realistischen Mahagony-Serie (von "Der Karren" bis "Ein General kommt aus dem Dschungel") über die Ausbeutung der Indios in den Holzfällerlagern in Chiapas, Südmexiko. Die Bücher können kostenlos als eText oder als PDF heruntergeladen werden.

LINK ➨
[FREIHANDbuch] B. Traven: Die Bücher des Caoba-Zyklus ("Mahagoni Serie")

Dienstag, 24. April 2012

1968: Kriegsblinde machen Rundfunk-Geschichte


Kriegsblinde, eine Gruppe von Menschen, denen man in der Gesellschaft bestenfalls noch die Bedeutung eines Lifescans für das Funktionieren eines Sozialsystems zugestand, haben just in Umbruchszeiten - da man daranging nicht nur die Kriegsblinden sondern ihre ganze (Kriegs-)Generation abzuschreiben - Kultur- und Mediengeschichte geschrieben:

Am 14. November 1968 wurde "Fünf Mann Menschen" im Zweiten Programm des Südwestfunks "urgesendet". Es war das erste von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker gemeinsam produzierte Hörspiel. Es sollte das erste Werk des "Neuen Hörspiels" sein, das zu öffentlicher Anerkennung gelangte: Die beiden Autoren erhielten am 22. April 1969 den Hörspielpreis der Kriegsblinden für das Jahr 1968. Damit war die renommierte Auszeichnung zum ersten Mal an ein experimentelles Stereo-Hörspiel vergeben worden, ein nur 14 Minuten langes "Kurzhörspiel", das sich in vielfältiger Weise von den Stücken der Autoren unterschied, die in den Jahren zuvor geehrt worden waren. Dieser Entscheidung kam programmatische Bedeutung zu: Es war die offizielle Anerkennung des "Neuen Hörspiels", dessen Erscheinungsformen zögernd in experimentellen Programmblöcken auftauchten. Die Jury förderte mit dieser Entscheidung die Tendenz des Hörspiels zum Experiment mit Sprache, Sprechweisen, Form und Stereophonie - "Fünf Mann Menschen" war das erste in voller Länge stereophon produzierte Werk und das erste Werk von nur fünfzehn Minuten Länge, das mit dem angesehenen Preis ausgezeichnet wurde.

 LINK ➨  
Vorarlberger Naturfreunde: Kulturwanderung: 15. April
16.4.08/25.4.12/


Freitag, 30. März 2012

Zum Tee auf dem Berghof

Im Jahr 1943 fliegt der norwegische Literatur-Nobelpreisträger Knut Hamsun in Adolf Hitlers  "Privatmaschine" zu einem Gespräch mit dem Führer und Besatzer Norwegens nach Berchtesgaden. Am 26. Juni 1943 trifft er sich mit Adolf Hitler auf dem Berghof zum Tee. Es soll dort sehr laut zugegangen sein.


Lautstark. Freilich sind die Schilderungen darüber unterschiedlich. Die "Pro-Hamsun-Fraktion", die sein Engagement für die Nazis gerne etwas herunterspielen will, berichtet, dass er Hitler angeschrieen habe, weil der Reichskommissar Terboven Geiselerschießungen durchgeführt habe. Noch während der Eroberung Norwegens durch die deutschen Truppen wird Terboven am 24. April 1940 durch Führererlass zum Reichskommissar für das besetzte Norwegen ernannt. Terboven versteht es, sich mit der SS zu arrangieren und erlangt so Einfluss auf SS-interne Personalfragen. Dies verleiht ihm quasi uneingeschränkte Macht in Norwegen. Terboven gelingt es, mit Hilfe von SS, Sicherheitsdienst und Gestapo, ein straff organisiertes Terrorregime zu errichten, das gegen den norwegischen Widerstand hart durchgreift. Die Geiselhinrichtungen seien aber tatsächlich gestoppt worden. Belegt ist nur: Er setzte sich für einige Norweger ein, die von der Besatzungsmacht hingerichtet werden sollten, bei anderen tat er das nicht, obwohl er dazu aufgefordert worden war.

Andere berichten es aber auch anders: Der 83jährige Nobelpreisträger im Gesprächsversuch mit dem personifizierten Größenwahn - fast taub, so dass Hitler brüllen musste und rasch der Szene wütend entfloh. Und der 83-jährige norwegische Gast brauchte ja auch nicht allzu viel Mut, was sollte ihm denn geschehen? Hat er sich gegen Geiselerschießungen auch wirklich eingesetzt, dann wohl aus der klaren Sichtweise heraus, dass die von ihm geförderte Quisling-Partei "Nasjonal Samling" (NS) aus den Geiselhinrichtungen kaum Nutzen ziehen konnte.
 Link ➨        Hochkultur und Hochverrat   
Zugegeben. Hamsun war schon alt, aber keineswegs nicht mehr "bei Trost". Die Hamsun-Verteidiger machen es sich bis heute recht leicht, wenn sie aus seiner Verteidigung zitieren: "Und niemand sagte mir, dass es falsch sei, was ich schrieb, niemand im ganzen Land. Ich saß allein in meinem Zimmer, ausschließlich auf mich selbst gestellt. Ich hörte nicht, ich war sehr taub, man konnte sich nicht mit mir abgeben." Ja wer hätte ihm unter Terbovens blutigem Regime denn wirklich öffentlich widersprechen können?

Am 25. September 1940 löst Reichskommissar Terboven alle Parteien außer Quislings NS-Partei auf und erklärt diese zur einzigen und staatstragenden Partei in Norwegen. Ungefähr 55.000 Norweger werden im Laufe des Krieges Parteimitglied. Die Nasjonal Samling erhält massive Unterstützung von der Okkupationsmacht. Das Reichskommissariat in Norwegen erhielt ein eigenes Büro für N.S.-Fragen. Geld und personelle Unterstützung (organisatorische Berater) werden der Partei von deutscher Seite zur Verfügung gestellt. In allen öffentlichen Bereichen wie Presse, Justiz, usw. erhalten N.S.-Leute Führungspositionen. Viele N.S.-Mitglieder denunzieren Landsleute bei der deutschen Sicherheitspolizei und über 50.000 Norweger sitzen während des Krieges in Konzentrationslagern. Auch wenn es Hamsun nicht will, die Norweger sind keine Kollaborateure und Quislinge. Wenn sich auch ungefähr 7000 Norweger zum Fronteinsatz für das Deutsche Reich melden, der Großteil davon in der "Den Norske Legion" (norw. Verband der SS), so stehen dagegen doch 15.000 Norweger im riskanten Dienst der Alliierten, die auf norwegischem Gebiet ja keine Besatzungsfunktion ausüben können.

Ossietzky. Willy Brandt nennt Hamsun böswillig-naiv und senil als er sich nicht zu schade ist zur Verhaftung Carl von Ossietzkys in einem Artikel zu behaupten, dass Ossietzky seine Verhaftung selbst provoziert und verschuldet habe:
"Während meiner Zeit in Norwegen erlebte ich Ende 1935 den Aufschrei der Empörung, als der in Senilität abgleitende Knut Hamsun in einer Zeitung gegen den wehrlosen Ossietzky zu Felde zog. Der bedeutende Dichter, der er bleibt, fragte böswillig-naiv, warum sich Ossietzky denn habe einsperren lassen; er hätte doch emigrieren können! Und was sei falsch daran, dass Deutschland militärisch stärker werde? "Dieser eigentümliche Friedensfreund", so Hamsun, "dient nun seiner Friedensidee dadurch, den Behörden seines Vaterlandes permanent unbequem zu sein." Der Aufschrei der norwegischen Schriftsteller - von Sigrid Undset bis Sigurd Hoel, Arnulf Överland und den ganz jungen - ließ sich nicht dadurch dämpfen, dass die Urteilsfähigkeit des Alten schon damals beträchtlich gelitten hatte. Sein Hass auf England war pathologisch, so auch seine Bewunderung deutscher Macht. Daraus resultierte die Tragödie dieses Greises, den seineLandsleute während des Krieges noch weniger verstehen konnten. (Ich war traurig, kürzlich in einem wichtigen Magazin bestätigt zu finden, dass man hierzulande kaum verstanden hat, worum es damals ging. Es hieß lapidar, Hamsun habe seinen Landsleuten geraten, sich mit der deutschen Besetzung abzufinden.) Hinzu kommt die bittere Ironie, dass Ossietzky zu den deutschen Bewunderern Hamsuns gehörte. Noch kurz vor seinem Tod Anfang 1938 versuchte er, dem Mann, der ihn geschmäht hatte, einen Gruß ausrichten zu lassen." 
 Link ➨         Willy Brandt: Die Nobelpreiskampagne für Carl von Ossietzky, pdf
Quisling. Quisling und seine den Nazis nachgebildete Partei haben unter demokratischen Bedingungen in Norwegen keine Chance. Bei den Parlamentswahlen 1933 erhält die Nasjonal Samling ca. 27.000 Stimmen (2,2%) und betreibt ab Herbst 1935 eine zunehmende Radikalisierung und antisemitische Agitation. Es werden Parteiorganisationen gegründet und ein politischer "Saalschutz" nach dem Muster der SA namens Hird und eine parteiinterne Elitegruppe nach dem Vorbild der SS, die sich KO (Kampforganisasjon) nannte, sowie eine N.S.-Kvinneorganisasjon (Frauenorganisation) und einen Ungdomsforbund (Jugendbund). Trotzdem erhält die Nasjonal Samling bei den Parlamentswahlen 1936 - auch trotz der Unterstützung durch Hamsun - nur noch 26.577 Stimmen (1,8%). 1937 droht die Partei in der Bedeutungslosigkeit zu versinken und zu einer kleinen Sekte zusammenzuschrumpfen. Erst nach der Besatzung Norwegens gewinnt die N.S. unter Führung von Quisling an Bedeutung.

Noch heute gilt der Name "Quisling" als Synonym für Verräter und Kollaborateur und ist auch in den Lexika darunter zu finden. Im Dezember 1939 fährt Quisling nach Berlin zu Hitler und stellt sich für den Fall einer deutschen Invasion Norwegens als Ministerpräsident einer Kollaborationsregierung zur Verfügung. Er gibt der deutschen Marine Tipps über Details, welche die Landung betreffen. Dazu hatte er genügend Informationen (im März 1931 war Quisling Verteidigungsminister einer Bauernregierung geworden). Am 9. April 1940, unmittelbar nach der Invasion, führt Quisling einen Staatsstreich durch und erklärt sich im Radio zum Ministerpräsidenten Norwegens. Aber erst ab Februar 1942 wird Quisling offiziell Ministerpräsident Norwegens von Hitlers Gnaden. Er wird am 10. September 1945 wegen Landesverrats zum Tode verurteilt. Das Urteil wird am 24. Oktober des gleichen Jahres auf der Akershusfestung in Oslo vollstreckt.

Hamsun bewunderte den "festen Charakter und unbeugsamen Willen" des Führers der norwegischen Nazis, Vidkun Quislings, pflegte persönliche Kontakte zu Mitgliedern der "Nasjonal Samling" (NS) und machte bei den Wahlen 1936 Propaganda für Quislings "NS". Vidkun Quisling (1887-1945), Führer der faschistischen Partei "Nasjonal Samling", wird, trotz des geringen Rückhalts in der Bevölkerung am 1.2.1942 als Ministerpräsidenten einer Kollaborationsregierung eingesetzt, die Terboven untersteht. Zehn Tage nach der Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen rief Hamsun gar dazu auf, nicht den Widerstandsaufrufen des geflohenen norwegischen Parlamentssprechers zu folgen, weil dieser jüdischer Abstammung sei.

Nazifan. Seine Parteinahme für Nazi-Deutschland zeigt sich auch in Aufsätzen, in denen er neben Stalin und Churchill vor allem Roosevelt als "einen Juden im jüdischen Sold, den führenden Geist in Amerikas Krieg für das Gold und die Judenmacht" angriff. Ende 1941 setzte sich Hamsun mit einem Aufruf für die Aufstellung einer norwegischen Legion ein, die an der Seite der Wehrmacht gegen den "Bolschewismus" kämpfen sollte. Im Mai 1943 besuchte Hamsun den NS-Propagandaminister Goebbels der zum Dank Hamsuns Werke in einer Auflage von 100 000 Exemplare auf den deutschen Buchmarkt brachte. Im Gegenzug schickte Hamsun Goebbels seine Nobelpreismedaille. Einen Monat später traf Hamsun auch Hitler. Wie sehr Hamsun von Hitler begeistert war, gab er noch am 7. Mai 1945, einen Tag vor der Befreiung Deutschlands von Naziregime, zum Ausdruck. In einem Nachruf auf Hitler schrieb Hamsun: "Er war ein Kämpfer, ein Kämpfer für die Menschheit und ein Verkünder der Botschaft vom Recht für alle Völker. Er war ein Reformator von höchstem Rang, und sein historisches Schicksal war es, in einer Zeit beispielloser Rohheit wirken zu müssen, der er schließlich zum Opfer fiel. So müssen die Mitteleuropäer Hitler sehen. Wir jedoch, seine Anhänger, verneigen unser Haupt vor seiner sterblichen Hülle".

Mit 86 Jahren, nach zwei Schlaganfällen und beinah taub, wird Hamsun als Landesverräter verhaftet. Doch die Hemmungen, den alten, lange Zeit so bewunderten Mann zur Verantwortung zu ziehen und die ganze Unmöglichkeit seiner Haltungen amtlich festzustellen und zu bestrafen, ist groß. Norwegen will und kann sich weder Schuld noch Freispruch leisten. Man verlegt sich darauf, seinen Geisteszustand zu untersuchen, hält ihn in einem Altersheim und später in einer psychiatrischen Klinik fest. Es scheint als wolle man warten, dass sich das Problem mit seinem Hinscheiden selbst löst. Hamsun hat von dieser Zeit in seinem letzten Buch berichtet: "Auf überwachsenen Pfaden". Schließlich verurteilt ihn ein Schöffengericht zu einer Geldstrafe von 500.000 Kronen, die ihn finanziell ruiniert, die jedoch 1948 auf 350.000 Kronen reduziert wird.
 Link ➨        Knut Hamsun - Wikipedia
Wirkung. Wie kam ein solcher Geist zu einem Nobelpreis? wird man sich fragen. Am besten die Antwort Ossietzkys auf die Nachricht von Hamsuns Artikel gegen ihn: "Ich kenne ihn nicht als Menschen. Aber was für ein Dichter!" - Hamsun war Autodidakt, Selfmademan aus armseligen Bauernverhältnissen und riss nach fünf Schuljahren aus; trieb sich als Landstreicher herum, als Hausierer, Schuster, Holzfäller, Straßenarbeiter und Ladengehilfe. Ging zweimal nach Amerika und hasste danach den angloamerikanischen "Krämergeist" mitsamt der "geistlosen Demokratie" und der "Tyrannei der Frauen".

Und keine Frage, seine Bücher waren auch - wie man heute sagen würde - in der "Szene" gelesen und beliebt. Ähnliche antikapitalistische und Anti-Fortschrittshaltungen sind ja bis heute auch selbst bei "Linken" und natürlich "Ökologen" en vogue. Sätze aus seinem Landstreicher, die man so auch heute hören kann: "Der Mensch lebt nicht von den Banken und von der Industrie... Der Mensch lebt von der Erde, die ihn nährt, von der Luft, die er atmet, und von dem Wasser, in dem Fische schwimmen." Hamsun verachtete die Massen als Gleichberechtigte. Sein elitäres Führerdenken kam aus den weiten Wäldern, aus der harten Natur und dem Überlebenskampf. Der mündete damals leider im Faschismus: Hamsun jubelte nicht nur Hitler zu, rief die Norweger nicht nur dazu auf, sich nicht gegen die Nazi-Besetzung zu wehren: "Ich schicke meine Kinder nach Deutschland", schrieb er 1934, "sie sind dort in guter Hut und kehren gereift zurück." Der Älteste ging zur SS, der Jüngere erhielt an der Ostfront das Eiserne Kreuz, die Tochter versuchte mit Goebbels' Hilfe eine Filmkarriere in Berlin, und die Ehefrau Marie zog mit Propagandareden durchs Reich.
24.6.11/30.3.12/ 

Freitag, 10. Februar 2012

Hugo Ball

Am 5. Februar 1916 gründete der Poet und Philosoph Hugo Ball (1886-1974) als "Protest gegen den Wahnsinn der Zeit" in einer Züricher Bar das "Cabaret Voltaire" eine Mischung aus Nachtclub und Kunstsalon. Obwohl er nur sechs Monate bestand, breitete sich die dadaistische Idee international aus.


 Link ➨ 
Vorarlberger Naturfreunde: Kulturwanderung: 5. Februar
19.6.11/10.2.12

Donnerstag, 2. Februar 2012

Apocalypse Now: Herz der Finsternis

Am 24. Juni 1902 wirft Joseph Conrad versehentlich eine Öllampe auf dem Schreibtisch um, und die Lieferung seines Romans "Das Ende vom Lied" steht in Flammen. Im selben Jahr erscheint  sein legendärer Roman "Herz der Finsternis" ("Heart of Darkness"), Vorlage für "Apocalypse Now".

Herz der Finsternis. "Heart of Darkness" ist zuerst in einer Zeitschrift noch im 19. Jahrhundert erschienen, als Buch drei Jahre später, nämlich 1902. Joseph Conrad schildert in seiner weitgehend autobiografischen Erzählung realistisch, mit einfühlsamer Beobachtungsgabe und treffenden Formulierungen eine strapaziöse und gefährliche Reise nach Zentralafrika, in das "Herz der Finsternis" – eine Metapher für die Abgründe der eigenen Seele. Der Rahmen der Erzählung: Kapitän Marlow befindet sich auf einem Boot auf der Themse und erzählt seinen Zuhörern von seiner Reise ins tiefste Afrika mit einem alten Dampfschiff den Kongo hinauf. Er will den todkranken Kurtz, einen skrupellosen Elfenbeinhändler, aus dem Dschungel in die Zivilisation zurückbringen.

Es gelingt ihm die Konstruktion eines Mythos, einer Geschichte, die weit über die persönlich-aktuelle Ebene hinausgeht. Es geht dabei nicht um die Afrikaner, sondern um den Repräsentanten der Zivilisation, der in einer barbarischen Gesellschaft der Versuchung der Macht erliegt und sich zum König, ja schließlich zum Gott erhebt. Während dieses Prozesses verliert er jedoch die dünne Schale der Zivilisation und mutiert selbst zum "Wilden". Mit dem Überschreiten dieser Grenze - besonders in extremen Situationen - beschäftigte sich Conrad immer wieder. 1890 besuchte er am oberen Kongo das Grab von Major Edmund Musgrave Barttelot, dem Helden der britischen Armee und Sohn eines Parlamentsabgeordneten, der als Kommandeur von Stanleys Nachhut gerade zwei Jahre zuvor in sadistischen Orgien den Verstand verloren haben musste.
Im Gegensatz zu Edmund Morel, Roger Casement, Mark Twain oder Arthur Conan Doyle, die die Gräueltaten in Königs Leopolds Kolonie anklagten, interessierte sich Conrad mehr für die Psyche der Täter, die aus seinem eigenen sozialen Umfeld kamen. Und dabei gelang es ihm "den Schrecken" eindringlicher und dauerhafter zu vermitteln. Die Standard Literaturredaktion sagt es so: "Der Urwald wird hier zur Seelenlandschaft, zum undurchdringlichen Dickicht archaischer Begierden. Herz der Finsternis, ein Jahr vor Freuds Traumdeutung von 1900 erschienen, wirkt wie das literarische Erwachen des Unbewussten. Es ist ein grauenvolles Buch im Wortsinn: Das Grauen fällt den Leser an wie ein Raubtier aus dem Unterholz. Und das Schlimmste ist: Jeder trägt diesen Urwald in sich."
 Link ➨        Biografie Joseph Conrad bei Wikipedia
Ein König als Oberhalunke. Der Kongo als "Staatswesen" ist ein Produkt der Berliner Kongo-Konferenz von 1885. Durch Bestechung und Intrigen brachte König Leopold II. von Belgien zahlreiche europäische und amerikanische Zeitungen dazu, Lobeshymnen auf sein humanitäres Engagement zu publizieren. Durch falsche Versprechungen, etwa die Zusage, er werde den Kongo zur Freihandelszone erklären, durch listiges Taktieren und Ausspielen der Großmächte gegeneinander erreichte er es, dass am Ende der Berliner Konferenz vom Februar 1885 - an der weder ein Afrikaner teilnahm noch jemand, der Afrika bereist hatte - ein Abkommen unterzeichnet wurde, das ihm den Kongo als Privateigentum zusprach. Der Kongo wurde nicht einmal zur Kolonie Belgiens (dessen konstitutionelle Verfassung und das Parlament hatten gar kein Interesse daran) sondern zum Privateigentum des belgischen Königs!
Türkei gegen die christliche Mörderzivilisation. Am 23. Februar 1885 wurde die "Afrikanische Internationale Vereinigung zur Zivilisierung Afrikas" (dessen einziges Mitglied der belgische König Leopold II. war) durch die Teilnehmerstaaten an der Berliner Afrika-Konferenz als souveräner Staat anerkannt. Die westlichen (christlichen Staaten) stimmten zu, nicht jedoch das (islamische) Osmanische Reich, also die heutige Türkei!
 Link ➨        Artemis am Congo  
"Ganz Europa", so Charles Marlow in Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis" über den machtgierigen Elfenbeinlieferanten Kurtz, für den es viele reale Vorbilder gab, "ganz Europa war am Zustandekommen des Herrn Kurtz beteiligt gewesen." Wie es zu einem der grössten Menschheitsverbrechen kam und welchen Anteil die westliche Welt an dem Zerstörungswerk Leopolds II. und seiner Vasallen im Kongo hatte, darüber schweigen sich die, weche heute in Fortsetzung dieser Politik Truppen in den Kongo schicken, aus. Schon Leopold II. hatte für die Berliner Konferenz nicht anders als heute mit "humanen" Anliegen argumentiert: Es gelte, den "arabischen" Sklavenhandel zu unterbinden, die Wissenschaft zu fördern und "die Wilden" zu kultivieren.

Leopold II. von Belgien (verheiratet mit einer Habsburgerin) heuerte Söldner an und beutete den Kongo derart aus, dass sich die Bevölkerung unter seinem Regime um 10 Millionen Menschen halbierte. Dörfer wurden überfallen, und die Bewohner erhielten den Auftrag, eine bestimmte Menge Gummi zu sammeln, sonst würde das ganze Dorf niedergebrannt. Wer zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Als Beweis für den Verbrauch von Gewehrkugeln mussten die Truppen für jede verbrauchte Kugel die Hand des Opfers vorlegen. Die Hände wurden deshalb auch Lebenden abgehackt. Im Grunde funktioniert dies so bis heute unter den vom Westen unterstützten Diktatoren. Die Entsendung von Truppen zur Sicherung von freien Wahlen ist dieselbe Farce wie die Wahlen selbst. Den nach der Staatswerdung Kongos 1960 eingesetzten Präsidenten Lumumba, der eine politisch und ökonomisch unabhängige Politik betreiben wollte, brachte man dazu einfach um und setzte den dafür gedungenen Mörder als Präsidenten ein.
  Ein neuer Staat

Der Congostaat ist fertig nun,
Die Grenzen sind bestimmt;
Nun frägt sich's was zuerst zu thun,
Und wie man sich benimmt?

Ein Dutzend Klöster rasch erbaut,
Und diese auf der Stell'
Den Jesuiten anvertraut,
Das andere geht dann schnell

Schnell Congo-Rente emittiert,
Million auf Million,
Die Congo-Zeitung confiscirt,
Die erste Nummer schon.

Und schnell die Steuerschraube her
Drauf losgepresst geschwind,
Bis auch die Weißen kreuz und quer
Hübsch schwarz geworden sind.

aus "Humoristische Blätter" Wien, 8. März 1885

Die Berliner Kongo-Konferenz hatte Bedeutung weit über den Kongo hinaus und forcierte die Kolonialiserung und willkürliche Aufteilung Afrikas. Von da an gab es keine unkoordinierte Besetzung mehr, sondern durchdachte und gut organisierte Ausplünderung. Die Ausbeutung war nicht mehr sporadisch, sondern durch die Enteignung der autochthonen Bevölkerungen systematisch und permanent. Für Deutschland bedeutete de Kongo-Akte schlussendlich auch das "Tauschgeschäft" Sansibar gegen Helgoland, da sie auf Sansibar nach dem in diesem Vertrag festgelegten Effektivitätsprinzip nicht wirklich beherrschen konnten.

Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski. Der Autor Joseph Conrad (eigentlich Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski) wurde am 3.12.1857 als Sohn polnischer Landsleute in Berdiczew bei Kiew (Ukraine) geboren. Conrads Kindheit und Jugend standen unter dem Eindruck und dem Einfluss der Tatsache, dass sein Vater aus den Reihen der polnischen Freiheitsbewegung jener Zeit heraus verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung geschickt wurde. Ohne Zweifel sind in diesem frühen Erlebnis die Anfänge einer Entwicklung zu suchen, die Conrad aus der Heimat fort in seine Wahlheimat England führte, der er nach eigenem Bekenntnis alles Wesentliche seines Lebens verdankte und in deren Sprache - ! - er später das Werk seines Lebens erdachte und niederschrieb.

Mit Gattin & Sohn
Er besuchte das Gymnasium in Krakau und ging mit siebzehn Jahren nach Marseille, um Seemann zu werden. England lernte er erst drei Jahre später, im Jahre 1897, persönlich kennen. Als britischer Kapitän befuhr er die Weltmeere und bereiste den Kongo und die Malaiischen Inseln, Schauplätze seiner späteren Romane. Schon als Seeoffizier begann er zu schreiben. Als ein tropisches Fieber ihn zwang, den Seemannsberuf aufzugeben, ließ er sich 1894 als freier Schriftsteller in England nieder. Die englische Sprache, englisches Denken und Fühlen wurde ihm zur zweiten Natur. Eine entscheidende Wendung in seinem Leben brachte dann die Krankheit, die seiner Laufbahn zur See ein Ende setzte und ihn seinem wahren Beruf als Schriftsteller und Dichter zuführte. In den folgenden dreißig Jahren entstanden - oft unter großer materieller Not - die berühmten Romane und Geschichten dieses Autors, der, obwohl er die englische Sprache erst als Erwachsener erlernt, was die Hirnforscher noch heute beschäftigt, zu den großen Meistern der englischen Literatur zählt. Conrad starb am 3. August 1924 in Bishopsbourne/Kent.

Als die bedeutendsten unter den Werken Conrads seien genannt: "Lord Jim", "Nostromo", "Der Nigger vom Narzissus", "Sieg", "Geschichten vom Hörensagen", "Die Schattenlinie" und "Spiegel der See". In Deutschland wurde Conrad vor allem durch die in den zwanziger Jahren im Verlag S. Fischer, Berlin, erschienene Gesamtausgabe der Werke Conrads bekannt. Über seinen Lebensgang hat er selbst in der Autobiographie "Ein persönlicher Bericht" Aufschluss gegeben. Ebenso geschieht das in dem Buch der Erinnerung, das Jessie Conrad, die Gattin Conrads, mit dem Titel "J. Conrad As I Knew Him" veröffentlicht hat.


Apocalypse Now. Das "Herz der Finsternis"  regte Francis Ford Coppola zu seinem monumentalen Filmepos "Apocalypse Now" an. Dabei verlegte er die Handlung vom Kongo nach Vietnam und Kambodscha und von 1891 ins Jahr 1968: Ein Helikopter-Angriff zu Wagners Walkürenritt, brennender Dschungel und ein wahnsinniger General, einfach Apocalypse now! Das psychologische Kriegs-Drama ist einer der besten und berühmtesten Filme. Nur wenige wissen, dass für die Reise im Boot flussaufwärts und damit immer tiefer in die eigene Psyche Joseph Conrad mit "Herz der Finsternis" die Roman-Vorlage lieferte, die heute als eines der Initialwerke der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen wird.
23.6.11/3.2.12/ 

Freitag, 6. Januar 2012

Jungfrau von Orléans: Bauernmaid, Feldherr, Hexe, Heilige und Popstar


Der Stoff für Theater, Bücher, Filme und natürlich auch die Bildende Kunst: Am 6. Jänner 1904 erklärt Pius X. die französische Nationalheldin Jeanne d'Arc, seinerzeit als Hexe verbrannt, zur "verehrungswürdigen" Frau. Man spekuliert, ob die Bauernmaid nicht doch blaues Blut aus Bayern habe und ob sie überhaupt verbrannt worden sei.

 Link ➨ 
Naturfreunde Vorarlberg: Kulturwanderung: 6. Jänner

Mittwoch, 29. Juni 2011

Steppenwolf: Verse als Mindmap

Der Roman "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse kommt am 1.Juni 1927 auf den Markt und begründet seinen Weltruhm. Zum 50. Geburtstag (2. Juli 1927) erscheint auch die Hesse-Biografie von Hugo Ball. 1946 wird Hesse mit dem Literaturnobelpreis und 1955 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.


Lyrik - Steppenwolf. Kein anderes Werk wurde so missverstanden, musste von seinem Autor immer wieder verteidigt und erklärt werden. Andererseits hat gerade dieses Buch in den 1960er Jahren eine Hesse-Rezeption in Amerika und Deutschland ausgelöst. Zu Beginn der zwanziger Jahre erleidet der bald fünfzigjährige Hesse eine tiefe Lebenskrise, die sich in den Texten "Tagebuch eines Entgleisten" (1922) und "Kurgast" (unter dem Titel "Psychologia Balnearia" 1923 entstanden) äußert. In vielen Briefen aus jener Zeit klagt Hesse über Depressionen und spielt wiederholt auf Selbstmordgedanken an. Im August 1925 erwähnt er in einem Brief erstmals Pläne zu einem phantastischen Buch vom Steppenwolf, der darunter leidet, dass er zur Hälfte ein Mensch, zur anderen ein Wolf ist. Der Tiefpunkt der Krise ist im Winter 1925/26 erreicht. In diesem Zeitraum entsteht die überwiegende Mehrzahl der Krisis-Gedichte.
 Link ➨         Anhören: Hermann Hesse liest sein Gedicht "Skizzenblatt"
Hesse betont am 14. Oktober 1926 in einem Brief an Heinrich Wiegand, er "schreibe keine Dichtung, sondern eben Bekenntnis, so wie ein Ertrinkender oder Vergifteter sich nicht mit der Frisur beschäftigt oder mit der Modulation seiner Stimme, sondern eben hinausschreit." Er schickt das Manuskript der Krisis-Gedichte am 18. Juni 1926 an S. Fischer. Der Verleger widersetzt sich aber vorerst einer Veröffentlichung, und auch Hesses späteres Ansinnen, die Gedichte zusammen mit dem Roman erscheinen zu lassen, findet kein geneigtes Ohr. Im November 1926 erscheint eine Auswahl der Gedichte in der Neuen Rundschau unter dem Titel "Der Steppenwolf. Ein Stück Tagebuch in Versen". Die Reaktionen auf die Gedichte sind recht zwiespältig: Von einigen wenigen - unter ihnen Thomas Mann, Stefan Zweig und Oskar Loerke - als neuartiger Ausdrucksversuch des Dichters gelobt, rufen sie bei der Mehrzahl der Leser und Leserinnen, nicht zuletzt bei seinem Verleger selbst, Widerwillen und Ablehnung hervor
Prosa - Steppenwolf.   Hesse macht sich in der Folge daran, die Gedichte in eine Prosafassung umzuarbeiten. In nur sechs Wochen, vom 16. Dezember 1926 bis zum 11. Januar 1927, beendet Hesse das Tiposkript des "Prosa-Steppenwolfs", wie es Hesse in verschiedenen Briefen aus dieser Zeit bezeichnet. Hesse transformiert die lyrischen Texte in eine Prosafassung in nur sechs Wochen! Hugo Ball lässt er am 2. Januar 1927 wissen: "Zur Zeit sitze ich Tag für Tag, mit schmerzenden Augen und mit schmerzenden Gicht-Händen an der Schreibmaschine, um den Prosa-Steppenwolf ins Reine zu schreiben, der nach Fischers Absicht vielleicht schon zum Geburtstag als Buch erscheinen soll."
Zum 50. Geburtstag am 2. Juli 1927 soll auch die Hesse-Biografie von Hugo Ball erscheinen. Der angesichts der Krisis-Gedichte zögernde Verleger S. Fischer ist nun begeistert. "Es gibt den Roman Steppenwolf, in Prosa, der ist kürzlich zu Ende geschrieben und liegt beim Verleger, erscheint so bald wie möglich. Gestern sagte mir Fischer, der ihn noch auf der Reise zu Ende gelesen hatte, seine Meinung darüber. Ich habe ihn seit 25 Jahren nie so erschüttert, begeistert und auch beunruhigt von einem neuen Buch sprechen hören. Das Buch wird Aufsehen machen ..." schreibt Hesse am 9. Februar 1927 an seine Schwester Adele.

Das Jahr 1927 ist das Jahr, in dem Hesse seinen 50. Geburtstag feiert. Gleichzeitig mit dem Steppenwolf erscheint auch "Die Nürnberger Reise" beim S. Fischer Verlag in Berlin. Ebenso erscheint eine Biografie von Hermann Hesses Freund Hugo Ball. Der Biograf Hugo Ball ist Autor und Mitbegründer der Zürcher Dada-Bewegung. Doch schon im September 1927 stirbt Hugo Ball. Auf Wunsch von Hesses zweiter Frau, Ruth Wenger, erfolgt in diesem Jahr auch die Scheidung der 1924 geschlossenen Ehe.
 Link ➨        Zur Entstehungsgeschichte von Hermann Hesses Steppenwolf-Roman   
Hugo Ball über Hermann Hesse und den "Steppenwolf": 
"Ein Werk auf die Katastrophe hin bauen", dieses Nietzschewort liegt Hesse sehr nahe; er selbst könnte sein Werk auf die Katastrophe hin bauen oder gebaut haben." Bei Hölderlin wie bei Novalis sieht Hesse "das Schicksal des außerordentlichen, genialen Menschen, dem die Anpassung an die normale Welt nicht gelingt; das Schicksal des Sonntagskindes, das den Alltag nicht ertragen kann, das Schicksal des Helden, der in der Luft des gemeinen Lebens erstickt". Das ist die Begründung der Steppenwolf-Gedichte und -Ausfälle. Im Nachwort zu "Novalis" sowohl wie zum "Hölderlin" (beide bei Fischer) stehen Sätze, die jeder Freund des Dichters als dessen eigenes Problem, als seine eigene Qual erkennt.

Von Novalis sagt er: "Ebenso wie sein kurzes, äußerlich tatenloses Leben den Eindruck seltsamster Fülle macht und jede Sinnlichkeit wie jede Geistigkeit erschöpft zu haben scheint, so zeigen die Runen dieses Werkes unter spielender, entzückend blumiger Oberfläche alle Abgründe des Geistes, der Vergöttlichung durch den Geist und der Verzweiflung am Geiste." Auch das Schicksal des Hölderlin gibt einen Aufschluss über die mitunter befremdlichen Lebensexperimente des Steppenwolf-Dichters. Das Schicksal Hölderlins lässt ihn mahnen: "Es ist lebensgefährlich, sein Triebleben allzu einseitig unter die Herrschaft des triebfeindlichen Geistes zu stellen, denn jedes Stück unseres Trieblebens, dessen Sublimierung nicht völlig gelingt, bringt uns auf dem Wege der Verdrängung schwere Leiden. Dies war Hölderlins individuelles Problem, und er ist ihm erlegen. Er hat eine Geistigkeit in sich hochgezüchtet, welche seiner Natur Gewalt antat."

Hesses Studium und Liebhaberei wird mit den Jahren mehr und mehr die Magie. Sie ist ihm der bildhaft betonte Geist; die von allen Kräften der Sinne und der Seele zugleich erfüllte Phantasieform. Sie ist ihm das Siegel und die ergreifende Energie der Geste, der Andeutung, des Namens. Sie ist ihm eine Wehr gegen die Verkümmerung der Instinkte sowohl wie gegen ihre Verrohung. In der Magie hat alles unbewusste Triebleben eine adäquate geistige Form gefunden. Es gibt von Hesse eine Charakteristik "Goethe und Bettina" (Neue Rundschau 1924), worin der alte Herr Geheimrat kaum mehr kraxeln kann und doch die jüngsten Lebewesen noch in seinen Bann zieht. Hesse liebt das langsame Mittelpunktwerden, das den Mann von Weimar zu einer Zentralsonne am deutschen Himmel gemacht hat. Bei Mozart aber liebt er etwas anderes. Hier ist es das rosenrote Papageno-Märchen und die dunkle Glut des Teufels Don Giovanni, den ein ewig kicherndes Kinderherz in Kontrapunktik und Koloraturen so ganz und gar zu verstricken und zu verwickeln weiß, dass dieser Unhold, mehr als von Blitz und Donner, von der genialsten Tonkunst überwunden und unschädlich gemacht wird.

Der "Steppenwolf"-Roman, dieses Unikum von Dichtung, ist Hesses jüngste und mächtigste Inkarnation. Wenn es gelänge, den Feind im eigenen Innern zu packen und aufzulösen, die treibende vitale Kraft auf eine plausible Formel zu bringen; wenn es gelänge, dies leidenschaftlich unruhige, wogende, quälende, aller Sublimierung und Zivilisierung hohnsprechende Wesen auseinanderzulegen, in zierliche Worte zu fassen, es mit aller Gnade und allem Licht zu durchdringen –: Damit wäre etwas geschehen. Damit wäre diesem bisher unzugänglichen, namenlosen Wesen zu Leibe gerückt. Damit wäre für die Folge unliebsamen Überraschungen von der Instinktseite her vorgebeugt. Damit wäre die Lebenskraft selber entwurzelt und erschüttert; das Tier im Menschen wäre zutage gefördert und, wer weiß, vielleicht gebrochen. Damit wäre ein dämonisches Urbild gehoben, und einer Unsumme von Beängstigungen, von Hysterien, von schillernden Sophismen wäre der Weg verlegt. Damit wäre ein Humor ermöglicht, der mehr zu sein vermochte als anstellige Verlegenheit und gute Miene zum bösen Spiel.

Es gibt neben dem Idylliker und Asketen einen robusten, veitstänzerischen, flagellantischen Hesse. Es gibt neben dem schwermütigen Dichter des "Demian" einen überschäumenden, girrenden, tönenden Klingsor, der über zehn Leben verfügt. Es gibt, seit dem "Steppenwolf", einen Hesse, dem der Furor Teutonicus so gut bekannt ist wie der kleine schmachtende Pennäler. Er weiß die Harfe zu schlagen, dass sie unheimlich surrt und dröhnt, nachdem sie vergebens gesäuselt und gesungen hat. Der Wolf (auch in Wolfgang Amadeus und in Johann Wolfgang) ist ein Raubtier, das über scharfe Augen und Ohren und über ein respektables Gebiss verfügt. Rehen, Gänsen und Hasen, Eseln ebenso ist dieses Tier sehr gefährlich. Es gibt, vor seinen geschärften Sinnen, keine intellektualistischen Kunststücke und mogelnden Flausen –: Das ist der Ernst dieses Romans. Sein Spaß aber ist: Dass dieses weltfremde Wesen noch mit fünfzig Jahren viele graziöse Steps hat tanzen müssen, ehe es imstande war, als ein richtiger Steppenwolf ein wenig Munterkeit in die literarische Zunft zu bringen.
 Link ➨        Hesse Wohnhaus in Gaienhofen am Bodensee - Höri-Museum
Vor diesem wohlgebauten Steppenwolf verfangen keine falschen Geburtstagstiraden. Nur der heilige Franz selber könnte ihn bekehren. Dass solch ein mythologisches Untier sich mitten in unserem modernen Leben mag blicken lassen, das deutet auf eine Zeit, in der man die Kunst der Liebe und der Begütigung, die verstehende menschliche Kunst nur noch gedruckt, nur schwarz auf weiß noch zu finden vermag. Gleichwohl: In diesem männlichen, ernsten Buche ist, mit negativem Vorzeichen, die Romantik noch einmal. Hier ist die Mystik unseres Görres und die Welt des alten Brognoli. Mag man ach und weh und vielleicht Schlimmeres rufen; gleichwohl: Hier ist der Versuch, die zusammengefassten und auf eine glückliche Formel gebrachten Dämonismen unserer Zeit abzustoßen, um Raum zu gewinnen für alle Güte und unbehinderte Höhe. Hier ist ein jugendlich tanzender Kämpe, der mit Augen, in die man aus Scheu nicht zu blicken wagt, seine Sache verteidigt und seine Liebe schützt. Als Wappen- und Totemtier tritt er an die Spitze eines Bundes von heimlich Versunkenen, deren Herz und Geist die hohen Worte blank und rein erhalten wissen will.

Ihr seid das Volk, das nie auf seine Dichter hört!

Am 30.Juni 1945 erhält Erich Kästner in Mayrhofen/Tirol Besuch von einem früheren Bekannten: Peter D. Mendelssohn, Ullstein-Journalist und Schriftsteller. Erich Kästner ("Ich bin der Dichter, der euch anfleht und beschwört, Ihr seid das Volk, das nie auf seine Dichter hört!") soll an der Reeducation der Deutschen mitwirken.

Neue Zeitung. Aus seinem Tagebuch "Notabene 45" erfahren wir - unter dem Datum 18. Juni 1945 - auch vom Besuch zweier Deutscher in amerikanischer Uniform. Sie befragten ihn über sein Leben und Tun während der Nazi-Zeit und verabschiedeten sich wieder. Zwölf Tage darauf, also an jenem 30. Juni 1945, trug man ihm die Mitarbeit an einer Zeitung an. Er sagte zu. Und wurde zum Leiter des Feuilletons des renommiertesten Blattes im Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit, der "Neuen Zeitung".
 Link ➨        Anhören: Patriotisches Bettgespräch, Musik: Holger Münzer
Die von den US-Alliierten kontrollierte "Neue Zeitung" war ein intellektuelles Forum für einen demokratischen Neubeginn in der von den Nazis verwüsteten Presselandschaft. Sie war ein typisches Produkt der amerikanischen Auffassung einer Reeducation, einer Umerziehung der Deutschen zu demokratisch denkenden und fühlenden Menschen. Die Nachrichten waren weitgehend frei von Wertungen, die Kommentare indessen klug abwägende und nie aufdringlich formulierte Meinungen. Die Redaktion bürgte für Seriosität und Sensibilität gegenüber den Lesern; sie bestand aus Amerikanern, naturalisierten Emigranten und - wie Erich Kästner - deutschen Schriftstellern und stand unter Leitung von Hans Habe. Die Außenpolitik verantwortete Stefan Heym, die Innenpolitik Robert Lembke, die Wissenschaftsredaktion leitete Hildegard Brücher, später eine prominente Politikerin der Bundesrepublik. Die "Neue Zeitung" erschien vom 18. Oktober 1945 bis zum 30. Januar 1955; als Produkt der amerikanischen Besatzungsmacht und schließlich doch auch in den Dienst des Kalten Kriegs genötigt, musste sie letztlich den in deutschen Verlagen erschienenen Qualitätsblättern weichen.
 Link ➨         Anhören: Wiegenlied - Erich K. Vorhaben
Innere Emigration. Erich Kästner war gerade 34 Jahre alt geworden und auf dem Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens, da wurde sein Erfolg durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten gebremst. Seine Kritik am Krieg und seine Klage über die Not der Armen auf der einen Seite und seine Entlarvung der Ausschweifungen der Wohlhabenden auf der anderen Seite erregten den Ärger der neuen Herrscher. Und so gehörten die Bücher Erich Kästners zu denen, die am 10. Mai 1933 in den Scheiterhaufen geworfen wurden mit Schlachtrufen wie "Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner". Die Gedichtbände "Herz auf Taille" (1928), "Ein Mann gibt Auskunft" (1930), "Gesang zwischen den Stühlen" (1932) und sein satirischer Roman "Fabian" (1931) landen auf dem Scheiterhaufen.
 Link ➨         Anhören: Sachliche Romanze - Erich K. Vorhaben
Erich Kästner mischte sich an jenem 10. Mai 1933 in Berlin unter das "Publikum": "Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. ... Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: "Dort steht ja Kästner!" Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen." (In: Erich Kästner: Bei Durchsicht meiner Bücher)
 Link ➨         Anhören: Hunger ist heilbar - Musik Holger Münzer
Dekadenz und moralischen Verfall sahen die Nationalsozialisten in einigen Gedichten, aber vor allem in Kästners Roman "Fabian". Erich Kästner selbst schreibt in einem – erst nach dem 2. Weltkrieg veröffentlichten - Nachwort des Buches darüber: "Dieses Buch ist nichts für Konfirmanden, ganz gleich, wie alt sie sind. Der Autor weist wiederholt auf die anatomische Verschiedenheit der Geschlechter hin. Er lässt in verschiedenen Kapiteln völlig unbekleidete Damen und andere Frauen herumlaufen. Er deutet wiederholt jenen Vorgang an, den man, temperamentloserweise, Beischlaf nennt. Er trägt nicht einmal Bedenken, abnorme Spielarten des Geschlechtslebens zu erwähnen. Er unterlässt nichts, was die Sittenrichter zu der Bemerkung veranlassen könnte: Dieser Mensch ist ein Schweinigel" (In: Fabian, S. 239). Solche Literatur konnten die braunen Machthaber aus ihrer Sicht nicht tolerieren, daher wurde sie kurzerhand verboten und verbrannt. Und da Kästner darüber hinaus noch kritische Texte gegen Krieg, Diktatur, Engstirnigkeit, Intoleranz, Unmenschlichkeit geschrieben hatte, blieb er während des Dritten Reichs ständig unter Beobachtung der Nationalsozialisten.
 Link ➨         Anhören: Sogenannte Klassefrauen - Musik Holger Münzer
Kästners Entscheidung, nicht zu emigrieren, hängt mit der überaus engen Mutterbindung zusammen. Infolge des zunächst jedoch nur auf deutsches Gebiet beschränkten Publikationsverbotes konnte er weiterhin im Ausland, vor allem in der Schweiz, veröffentlichen. Zwei Romanfragmente ("Der Doppelgänger" und "Der Zauberlehrling") blieben bis zu ihrem Erstabdruck in den "Gesammelten Schriften" unter Verschluss. Unter Pseudonym schreibt Kästner das Drehbuch für den Ufa-Jubiläumsfilm "Münchhausen". Diese Arbeit am "Münchhausen"-Film sicherte ihm zwar ein gewisses finanzielles Auskommen, nachdem seit Kriegsbeginn jede Honorarzahlung aus dem Ausland unterblieben war, gleichwohl entzog ihm im Januar 1943 die Reichskulturkammer die erteilte "Sondergenehmigung", was nun ein umfassendes Verbot, überhaupt schriftstellerisch tätig zu sein, bedeutete. Während des Dritten Reiches erschienen im Züricher Atrium-Verlag eine Neuzusammenstellung seiner mehr unpolitischen Gedichte ("Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke", 1936), einige Kinderbücher und die drei Unterhaltungsromane: "Drei Männer im Schnee" (1934), "Die verschwundene Miniatur" (1935) und "Georg und die Zwischenfälle" (1938, später unter dem Titel "Der kleine Grenzverkehr"). In diesen Texten vermeidet Kästner jede Satire und Sozialkritik, sondern entwirft eine weitgehend entpolitisierte Wirklichkeit.
 Link ➨         Anhören: Misstrauensvotum - Erich K. Vorhaben
In einer Ansprache auf der Hamburger PEN-Tagung am 10. Mai 1958 sagte Kästner über die Widerstandsmöglichkeit vor und während einer Diktatur: "Im modernen undemokratischen Staat wird der Held zum Anachronismus. Der Held ohne Mikrophone und ohne Zeitungsecho wird zum tragischen Hanswurst (... ). Er wird zum Märtyrer." Die Ereignisse nach 1933 hätten spätestens 1928 "bekämpft" werden müssen, denn: "(...) drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben."
 Link ➨        Anhören: Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? - Musik Holger Münzer
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
- und es ist sein Beruf etwas zu wollen -
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen?
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt's dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut - es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Ich bin der Dichter, der euch anfleht und beschwört.
Ihr seid das Volk, das nie auf seine Dichter hört.

Kästners literarisches Engagement richtet sich nach dem Krieg auf ihm schon zumeist vertraute Bereiche: neben seiner Tätigkeit für den PEN-Club vor allem Kabarett, Journalismus, Jugenderziehung und -literatur, Drehbuch, Herausgebertätigkeit. In fast jedem Text zeigt sich die Kontinuität seines schriftstellerischen Selbstverständnisses, er bleibt Satiriker, Moralist, Aufklärer, Pädagoge. 
Die von ihm so verachtete "Dummheit" nimmt er aufs Korn und vertritt die Idee des jede Gesellschaft allererst humanitär und harmonisch organisierenden Vernunftprinzips. "Der Krieg ist aus. Die Übermenschen sind gegangen. Und die Dichter dürfen wieder ihr altes Amt übernehmen, uns daran zu erinnern, dass wir, wenn schon nicht gut, so doch besser werden sollten. Und wenn nicht aus Liebe und Güte, so um Himmels willen endlich aus Gründen der Vernunft! Ehe der Globus mit einem lauten Knall zerplatzt!"

Link ➨ 
    
 
 
 Anhören: Die Entwicklung der Menschheit - Musik Holger Münzer

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
dass Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
 Link ➨        Kästner im Netz     
Allerdings verstärkt sich die immer schon vorhandene Resignation in bezug auf die Erziehbarkeit seiner Zeitgenossen; die Skepsis gegenüber dem "Dichteramt" als pädagogische Aufgabe wird deutlicher: "Ich bin der Dichter, der euch anfleht und beschwört. Ihr seid das Volk, das nie auf seine Dichter hört". Wie für viele andere Autoren bedeutete auch für Kästner diese Bücherverbrennung einen wesentlichen Einschnitt in Leben und Werk. Er lernt auch aus dieser Erfahrung, setzt sich im weiteren Verlauf seines Lebens vehement gegen jegliche Zensur ein und erinnert immer wieder an die Bücherverbrennung.
: Link ➨       Anhören: Zeitgenossen haufenweise - Musik Holger Münzer
Erich Kästner.  Geboren am 23. 2. 1899 in Dresden, besuchte von 1906-1913 die Volksschule und bis 1917 das Freiherrlich von Fletscher'sche Lehrerseminar in Dresden; 1917/18 Militärdienst, anschließend Abschlusskurs am Lehrerseminar, 1919 Abitur am Dresdner König Georg-Gymnasium, darauf Studienbeginn in Leipzig (Germanistik, Geschichte, Philosophie, Theatergeschichte); ab 1920 erste Zeitungsveröffentlichungen, 1922 Anstellung am Zeitungswissenschaftlichen Institut in Leipzig und Mitarbeit an der "Neuen Leipziger Zeitung"; 1925 Promotion, Fortsetzung der Redakteurstätigkeit, ab 1927 in Berlin als Theaterkritiker und freier Mitarbeiter u. a. bei "Weltbühne", "Montag Morgen", "Vossische Zeitung"; 1931 Wahl in den PEN-Club; 1933 Verbrennung seiner Bücher durch die Nationalsozialisten, 1934 erstmals und 1937 erneut von der Gestapo verhaftet; 1937 Reise nach Reichenhall bzw. Salzburg; Januar 1943 endgültiges Schreibverbot; März 1945 Filmexpedition nach Mayrhofen/Tirol, im Herbst Gründung des Kabaretts "Die Schaubude" in München, wo Kästner sich als Feuilletonchef der "Neuen Zeitung" niederließ; 1951 Präsident des westdeutschen PEN-Zentrums, Gründung des Münchner Kabaretts "Die kleine Freiheit" im selben Jahr; 1962/63 Sanatoriumsaufenthalt in Agra/Tessin; 1963 Ehrenpräsident des PEN, Januar bis August 1964 wieder in Agra; im Herbst Ausstellung des Goethe-Instituts in München; nach zahlreichen Lesungen auch im europäischen Ausland zieht sich Kästner um 1966 fast vollständig aus dem Literaturbetrieb zurück; er stirbt am 29.7.1974 in München.
 Link ➨         Erich-Kästner-Museum
Preise:

* Bundesfilmpreis für "Das doppelte Lottchen" ( 1950)
* Literaturpreis der Stadt München (1956)
* Georg-Büchner-Preis (1957)
* Hans Christian-Andersen-Medaille des Internationalen Kuratoriums für das    Jugendbuch (1960)
* Erster Preis ("Goldener Igel") im internationalen Humoristenwettbewerb
   der bulgarischen Jugendzeitung "Narodna Mladesch", Sofia (1966)
* Literaturpreis der Deutschen Freimaurer, Überreichung
   des Lessing-Rings (1968)
* Kultureller Ehrenpreis der Landeshauptstadt München (1970)
* Goldene Ehrenmünze der Landeshauptstadt München (1974).
 Link ➨         Erich Kästner Kommentierte Linksammlung, UB der FU Berlin