Seiten

Posts mit dem Label Künstler werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Künstler werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 9. Juli 2013

Historische Händel-Ausgaben online verfügbar

[Retrodigitalisat] Die Stiftung Händel-Haus stellt eine Sammlung von rund 3500 Seiten an historischen Händel-Notendrucken im Internet frei verfügbar, darunter Erstausgaben und zeitgenössische Arrangements.


[Set Art Free!]

Freitag, 27. April 2012

Das Lied von Bernadette

Am 27. Juni 1940 treffen Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel in Lourdes ein, wo sie für fünf Wochen bleiben. Sie sind auf der Flucht vor den Nazi-Schergen. "Das Lied von Bernadette" wird Werfels kommerziell erfolgreichstes Werk werden, so erfolgreich dass er sich in Beverly Hills ein Haus kaufen kann.


Bernadette. Die Machtergreifung der Nazis und die Verbrennung auch seiner Werke zwang Werfel mit Alma ins Exil. Ab 1933 sah er im Weltgeschehen mehr und mehr das Katastrophale, verfiel zusehends in Pessimismus und setzte als Ersatz für eine gesellschaftliche Perspektive religiöse und mythische Leitbilder. Am 27. Juni 1940 auf der Flucht vor dem vorrückenden deutschen Militär in Lourdes gestrandet, beschäftigte sich Franz Werfel mit der Lokalgeschichte der heilig gesprochenen Bernadette Soubirous. Er gelobte, einen Roman über sie zu schreiben, falls ihm die Flucht nach Amerika gelinge. 
Aus diesem Vorsatz wurde "Das Lied von Bernadette", ein Roman, der später in Hollywood erfolgreich verfilmt wurde. Henry Kings stark besetzte, preisgekrönte Filmbiographie mit Jennifer Jones, Vincent Price und Lee J. Cobb, wurde mit vier Oscars ausgezeichnet. Jennifer Jones erhielt für ihr grandioses Filmdebut den Oscar als beste Schauspielerin. Das Werk seines Gelübdes, der Roman "Das Lied von Bernadette"  wird beim Verlag Bermann-Fischer in Stockholm und beim Verlag Hamilton in London veröffentlicht. Die Realisierung des Romans ist nicht nur die Erfüllung eines bei der Flucht aus Frankreich 1940 abgelegten Gelübdes sondern erleichterte den Start in der Neuen Welt: In den USA wurde der Roman so erfolgreich verkauft, dass Werfel sich in Beverly Hills ein Haus kaufen konnte.
Alma Mahler. 1929 heiratet Franz Werfel Alma Mahler, die Witwe von Gustav Mahler. Die Liste der prominenten Liebhaber und Ehemänner von Alma Mahler ist lang. Sie reicht von Komponisten wie Alban Berg und Benjamin Britten, der ihr eine Komposition widmete, über Arnold Schönberg und Igor Strawinsky bis zu Schriftstellern wie Erich Maria Remarque oder zu Sigmund Freud. Sie war mit Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel verheiratet, pflegte ein Liebesverhältnis mit Oskar Kokoschka, und Gerhart Hauptmann war unsterblich in sie verliebt. Die (Männer-) Nachwelt schildert sie deshalb gerne als "femme fatale" und übersieht ihre Leistungen. 
Ägypten 1920
Alma Schindler studierte seit 1897 bei Alexander Zemlinsky Komposition. Sie hat Lieder, Instrumentalstücke, auch den Beginn einer Oper komponiert. 1902 heiratete sie den zwanzig Jahre älteren Komponisten Gustav Mahler: "Die Rolle des Komponisten ... fällt mir zu, - Deine ist die der liebenden Gefährtin...!" Sie gehorcht, widerstrebend. Als Mahler sich nach einer Ehekrise plötzlich für ihre Kompositionen begeistert - fünf ihrer Lieder lässt er drucken -, hat sie längst resigniert: "Zehn Jahre verlorene Entwicklung sind nicht mehr nachzuholen. Es war ein galvanisierter Leichnam, den er neu beleben wollte."

Sie beeinflusst, inspiriert und organisiert Leben und Ruhm von Franz Werfel. Ihm war sie Geliebte, "Zauberfrau" und Lebensstütze. Ihm ist sie in einer abenteuerlichen Flucht über die Pyrenäen aus dem französischen Exil Sanary-sur Mer nach Spanien und Portugal gefolgt. In ihren Erinnerungen schreibt sie: "Gott vergönnte mir, die genialen Werke unserer Zeit zu kennen, ehe sie die Hände ihrer Schöpfer verließen. Und wenn ich für eine Weile die Steigbügel dieser Ritter des Lichts halten durfte, so ist mein Dasein gerechtfertigt und gesegnet."
Flucht. In dieser Zeit unternimmt Franz Werfel Reisen nach Ägypten, Palästina und Italien. Anfang 1938 verbrachten die Werfels einige Wochen Erholungsurlaub auf Capri. Am 12. März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht, vom Großteil der österreichischen Bevölkerung bejubelt, in Österreich ein. In den ersten Tagen nach Hitlers Einmarsch wurden alleine in Wien 67.000 Menschen verhaftet. Werfels Freund Egon Friedell entging seiner Verhaftung, indem er sich mit einem Sturz aus dem Fenster selbst tötete.
Alma Mahler-Werfel verließ Wien mit ihrer Tochter fluchtartig, fuhr zuerst nach Prag und dann nach Mailand, wo sie sich mit ihrem verzweifelten Mann traf. Von dort fuhren sie nach Zürich zu Werfels Schwester, dann nach Paris. Ende 1939 überlegen die Werfels, im Besitz eines Visums, in die USA auszureisen, entschließen sich aber das erst dann zu tun, wenn kein Rettungsweg mehr übrig ist oder Krieg ausbricht. Nachdem Hitler am 1. September 1939 den Einmarsch in Polen befiehlt, erklären Frankreich und England Deutschland den Krieg. Mitte September 1939 meldet sich Werfel freiwillig zur tschechoslowakischen Legion, wird aber im Dezember 1939 vom Regimentsarzt als kriegsuntauglich erklärt. Die Werfels leben nun in einem Pariser Hotel in ständiger Angst vor Bombenangriffen und mit dem deutschen Überfall auf Frankreich. Zwischenzeitlich ist das USA-Visum verfallen und die Werfels versuchen die nächsten Wochen verzweifelt, ein neues zu bekommen.
Anfang Juni 1940 marschiert Hitler in Frankreich ein und erobert ohne nennenswerten Widerstand am 14. Juni 1940 Paris. Die Werfels flüchten nun Richtung Spanien und machen sich auf den Weg nach Bordeaux – Biarritz, Bayonne – Hendaye St. Jean-de-Luz. Als die deutschen Truppen an demselben Tag wie die Werfels die Grenzstädte zu Spanien erreichen, flüchten sie weiter nach Pau – der Pyrenäenhauptstadt und von dort aus nach Lourdes, wo sie am 27. Juni 1940 eintreffen. Fünf Wochen bleiben sie in Lourdes und Anfang August erhalten sie Passierscheine zurück nach Marseille. Dort wohnen sie unter falschem Namen und erhielten nach einer persönlichen Intervention des amerikanischen Außenministers Hull Durchreisebewilligungen für Spanien und Portugal sowie das Visum für die USA.
 Link ➨        Free mp3: Franz Werfel rezitiert: Lächeln Atmen          
Ein erster Fluchtversuch per Boot nach Nordafrika scheitert. Die aus den Werfels, Nelly und Lion Feuchtwanger, Golo Mann und Heinrich Mann bestehende Flüchtlingsgruppe darf auch die Grenze nach Spanien, wegen fehlenden Visas, nicht passieren. Es wird stündlich damit gerechnet, dass Flüchtlinge beim Versuch des Grenzübergangs verhaftet werden. So bleibt am 13. September 1940 nur noch die beschwerliche Flucht mit Heinrich Mann zu Fuß über die Pyrenäen. Ein Monat später erreicht Franz Werfel an Bord des Dampfers "Nea Hellas" den Hafen in New Jersey und somit sein Exil in den USA. Im selben Jahr wurde Alma Mahlers geistig behinderte Schwester Grete von den Nazis ermordet.

Werfel verarbeitet seine Flucht in dem Drama "Jacobowsky und der Oberst", das er zwischen 1941-2 im amerikanischen Exil schrieb. Er erzählt die Geschichte mehrerer Personen, die vor den Nazis 1944 auf der Flucht sind. Schauplatz ist das von den Deutschen besetzte Frankreich, der Vormarsch auf Paris steht kurz bevor. In einem Hotel begegnen sich die Reisenden, die erst nach einigen Verwicklungen die gemeinsame Reise nach Süden antreten. Die Hauptperson ist ein polnischer Jude namens Jacobowsky, der sich zum wiederholten Male auf der Flucht befindet und mit Galgenhumor und Liebenswürdigkeit alle Krisensituationen meistert. Dem augenzwinkernden, humorvollen und auch ein wenig melancholischen Jacobowsky steht Oberst Stjerbinsky gegenüber, ein polnischer Militarist, der antisemitische Ansichten hat und eine Geheimmission wegen seiner Geliebten aufs Spiel setzt. Der brummige und eher eindimensionale Charakter des Oberst, der lieber den Ehrentod sterben würde als über eine Alternative in seinem Handeln, über eine zweite Möglichkeit nachzudenken und der tiefsinnige Jude - dieser Gegensatz und nicht ohne Humor und Witz bestimmt das Drama.
Franz Werfel. Werfel (* 10. 9. 1890 Prag, † 26. 8. 1945 Beverly Hills) ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Zwischenkriegszeit. Die Frömmigkeit seiner Kinderfrau, der Besuch der Privatvolksschule der Piaristen und die barocke Katholizität seiner Heimatstadt prägen den jungen Werfel: Zu einem Leitmotiv des dichterischen Werks wird die Konspiritualität von Christus und Israel. Trotz dieses Naheverhältnisses zum Christentum und Katholizismus empfängt Franz Werfel im September 1903 die Bar Mizwa in der Prager Mayslsynagoge. Er ist unter anderem mit Franz Kafka, Willy Haas, Ernst Deutsch, und Max Brod befreundet. 1912 Lektor beim Kurt-Wolff-Verlag zu Leipzig; unter seiner Mitverantwortung erscheint die expressionistische Schriftenreihe Der jüngste Tag; Begegnung mit Rilke, Freundschaft mit Hasenclever, Karl Kraus. 1915-17 als österreichischer Soldat im 1. Weltkrieg an der ostgalizischen Front bis 1917 die Versetzung ins Wiener Kriegspressequartier erfolgt. Er heiratet 1929 Alma Mahler-Werfel, emigriert 1938 nach Frankreich und 1940 in die USA.
Frühe Berühmtheit. In den 20er und 30er Jahren einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Popularität erreicht er vor allem aufgrund seiner epischen Werke, über die aber Werfel selbst seine Lyrik setzte. Bis heute unterschätzt werden seine Dramen. Er wurde mit Gedichtbänden wie "Der Weltfreund" (1911), "Wir sind" (1913) und "Einander" (1915) zu einem der Hauptvertreter des Expressionismus, während seine psychologisierenden Dramen ("Spiegelmensch", 1921; "Bocksgesang", 1922) nur durchschnittlich angenommen wurden. Sein umfangreiches episches Werk entstand zwischen 1920 und 1945. In Romanen wie "Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig" (1920) oder "Höret die Stimme" (1937) thematisiert Werfel teilweise unter Verwendung historischer Stoffe soziale Entwicklungen seiner Zeit. Wiederkehrende Themen sind Humanität und das Ringen um ein ethisch fundiertes Christentum ("Die 40 Tage des Musa Dagh", 1933) sowie scharfsichtige Zeitkritik ("Barbara oder Die Frömmigkeit", 1929). In "Verdi" (1924) strebt er die Verknüpfung von Poesie und Musik an. Sein autobiographisch geprägter Reiseroman "Stern der Ungeborenen" erschien postum.
27.4.12

Dienstag, 24. April 2012

Alfred Hitchcocks "Die Vögel" - Pionierwerk elektronischer Musik

Der bedeutendste Film Alfred Hitchcocks, "Die Vögel", wird am 28. März 1963 in New York uraufgeführt. Damit tritt auch ein Pionier der elektronischen Musik vor den Vorhang. Die unheimliche Klangkulisse für den Alfred- Hitchcock-Thriller "Die Vögel" ist synthetisch von Oskar Sala mit dem Trautonium erzeugt.

 LINK ➨ 
Vorarlberger Naturfreunde: Kulturwanderung: 28. März
28.3.08/24.4.12/


Freitag, 30. März 2012

Zum Tee auf dem Berghof

Im Jahr 1943 fliegt der norwegische Literatur-Nobelpreisträger Knut Hamsun in Adolf Hitlers  "Privatmaschine" zu einem Gespräch mit dem Führer und Besatzer Norwegens nach Berchtesgaden. Am 26. Juni 1943 trifft er sich mit Adolf Hitler auf dem Berghof zum Tee. Es soll dort sehr laut zugegangen sein.


Lautstark. Freilich sind die Schilderungen darüber unterschiedlich. Die "Pro-Hamsun-Fraktion", die sein Engagement für die Nazis gerne etwas herunterspielen will, berichtet, dass er Hitler angeschrieen habe, weil der Reichskommissar Terboven Geiselerschießungen durchgeführt habe. Noch während der Eroberung Norwegens durch die deutschen Truppen wird Terboven am 24. April 1940 durch Führererlass zum Reichskommissar für das besetzte Norwegen ernannt. Terboven versteht es, sich mit der SS zu arrangieren und erlangt so Einfluss auf SS-interne Personalfragen. Dies verleiht ihm quasi uneingeschränkte Macht in Norwegen. Terboven gelingt es, mit Hilfe von SS, Sicherheitsdienst und Gestapo, ein straff organisiertes Terrorregime zu errichten, das gegen den norwegischen Widerstand hart durchgreift. Die Geiselhinrichtungen seien aber tatsächlich gestoppt worden. Belegt ist nur: Er setzte sich für einige Norweger ein, die von der Besatzungsmacht hingerichtet werden sollten, bei anderen tat er das nicht, obwohl er dazu aufgefordert worden war.

Andere berichten es aber auch anders: Der 83jährige Nobelpreisträger im Gesprächsversuch mit dem personifizierten Größenwahn - fast taub, so dass Hitler brüllen musste und rasch der Szene wütend entfloh. Und der 83-jährige norwegische Gast brauchte ja auch nicht allzu viel Mut, was sollte ihm denn geschehen? Hat er sich gegen Geiselerschießungen auch wirklich eingesetzt, dann wohl aus der klaren Sichtweise heraus, dass die von ihm geförderte Quisling-Partei "Nasjonal Samling" (NS) aus den Geiselhinrichtungen kaum Nutzen ziehen konnte.
 Link ➨        Hochkultur und Hochverrat   
Zugegeben. Hamsun war schon alt, aber keineswegs nicht mehr "bei Trost". Die Hamsun-Verteidiger machen es sich bis heute recht leicht, wenn sie aus seiner Verteidigung zitieren: "Und niemand sagte mir, dass es falsch sei, was ich schrieb, niemand im ganzen Land. Ich saß allein in meinem Zimmer, ausschließlich auf mich selbst gestellt. Ich hörte nicht, ich war sehr taub, man konnte sich nicht mit mir abgeben." Ja wer hätte ihm unter Terbovens blutigem Regime denn wirklich öffentlich widersprechen können?

Am 25. September 1940 löst Reichskommissar Terboven alle Parteien außer Quislings NS-Partei auf und erklärt diese zur einzigen und staatstragenden Partei in Norwegen. Ungefähr 55.000 Norweger werden im Laufe des Krieges Parteimitglied. Die Nasjonal Samling erhält massive Unterstützung von der Okkupationsmacht. Das Reichskommissariat in Norwegen erhielt ein eigenes Büro für N.S.-Fragen. Geld und personelle Unterstützung (organisatorische Berater) werden der Partei von deutscher Seite zur Verfügung gestellt. In allen öffentlichen Bereichen wie Presse, Justiz, usw. erhalten N.S.-Leute Führungspositionen. Viele N.S.-Mitglieder denunzieren Landsleute bei der deutschen Sicherheitspolizei und über 50.000 Norweger sitzen während des Krieges in Konzentrationslagern. Auch wenn es Hamsun nicht will, die Norweger sind keine Kollaborateure und Quislinge. Wenn sich auch ungefähr 7000 Norweger zum Fronteinsatz für das Deutsche Reich melden, der Großteil davon in der "Den Norske Legion" (norw. Verband der SS), so stehen dagegen doch 15.000 Norweger im riskanten Dienst der Alliierten, die auf norwegischem Gebiet ja keine Besatzungsfunktion ausüben können.

Ossietzky. Willy Brandt nennt Hamsun böswillig-naiv und senil als er sich nicht zu schade ist zur Verhaftung Carl von Ossietzkys in einem Artikel zu behaupten, dass Ossietzky seine Verhaftung selbst provoziert und verschuldet habe:
"Während meiner Zeit in Norwegen erlebte ich Ende 1935 den Aufschrei der Empörung, als der in Senilität abgleitende Knut Hamsun in einer Zeitung gegen den wehrlosen Ossietzky zu Felde zog. Der bedeutende Dichter, der er bleibt, fragte böswillig-naiv, warum sich Ossietzky denn habe einsperren lassen; er hätte doch emigrieren können! Und was sei falsch daran, dass Deutschland militärisch stärker werde? "Dieser eigentümliche Friedensfreund", so Hamsun, "dient nun seiner Friedensidee dadurch, den Behörden seines Vaterlandes permanent unbequem zu sein." Der Aufschrei der norwegischen Schriftsteller - von Sigrid Undset bis Sigurd Hoel, Arnulf Överland und den ganz jungen - ließ sich nicht dadurch dämpfen, dass die Urteilsfähigkeit des Alten schon damals beträchtlich gelitten hatte. Sein Hass auf England war pathologisch, so auch seine Bewunderung deutscher Macht. Daraus resultierte die Tragödie dieses Greises, den seineLandsleute während des Krieges noch weniger verstehen konnten. (Ich war traurig, kürzlich in einem wichtigen Magazin bestätigt zu finden, dass man hierzulande kaum verstanden hat, worum es damals ging. Es hieß lapidar, Hamsun habe seinen Landsleuten geraten, sich mit der deutschen Besetzung abzufinden.) Hinzu kommt die bittere Ironie, dass Ossietzky zu den deutschen Bewunderern Hamsuns gehörte. Noch kurz vor seinem Tod Anfang 1938 versuchte er, dem Mann, der ihn geschmäht hatte, einen Gruß ausrichten zu lassen." 
 Link ➨         Willy Brandt: Die Nobelpreiskampagne für Carl von Ossietzky, pdf
Quisling. Quisling und seine den Nazis nachgebildete Partei haben unter demokratischen Bedingungen in Norwegen keine Chance. Bei den Parlamentswahlen 1933 erhält die Nasjonal Samling ca. 27.000 Stimmen (2,2%) und betreibt ab Herbst 1935 eine zunehmende Radikalisierung und antisemitische Agitation. Es werden Parteiorganisationen gegründet und ein politischer "Saalschutz" nach dem Muster der SA namens Hird und eine parteiinterne Elitegruppe nach dem Vorbild der SS, die sich KO (Kampforganisasjon) nannte, sowie eine N.S.-Kvinneorganisasjon (Frauenorganisation) und einen Ungdomsforbund (Jugendbund). Trotzdem erhält die Nasjonal Samling bei den Parlamentswahlen 1936 - auch trotz der Unterstützung durch Hamsun - nur noch 26.577 Stimmen (1,8%). 1937 droht die Partei in der Bedeutungslosigkeit zu versinken und zu einer kleinen Sekte zusammenzuschrumpfen. Erst nach der Besatzung Norwegens gewinnt die N.S. unter Führung von Quisling an Bedeutung.

Noch heute gilt der Name "Quisling" als Synonym für Verräter und Kollaborateur und ist auch in den Lexika darunter zu finden. Im Dezember 1939 fährt Quisling nach Berlin zu Hitler und stellt sich für den Fall einer deutschen Invasion Norwegens als Ministerpräsident einer Kollaborationsregierung zur Verfügung. Er gibt der deutschen Marine Tipps über Details, welche die Landung betreffen. Dazu hatte er genügend Informationen (im März 1931 war Quisling Verteidigungsminister einer Bauernregierung geworden). Am 9. April 1940, unmittelbar nach der Invasion, führt Quisling einen Staatsstreich durch und erklärt sich im Radio zum Ministerpräsidenten Norwegens. Aber erst ab Februar 1942 wird Quisling offiziell Ministerpräsident Norwegens von Hitlers Gnaden. Er wird am 10. September 1945 wegen Landesverrats zum Tode verurteilt. Das Urteil wird am 24. Oktober des gleichen Jahres auf der Akershusfestung in Oslo vollstreckt.

Hamsun bewunderte den "festen Charakter und unbeugsamen Willen" des Führers der norwegischen Nazis, Vidkun Quislings, pflegte persönliche Kontakte zu Mitgliedern der "Nasjonal Samling" (NS) und machte bei den Wahlen 1936 Propaganda für Quislings "NS". Vidkun Quisling (1887-1945), Führer der faschistischen Partei "Nasjonal Samling", wird, trotz des geringen Rückhalts in der Bevölkerung am 1.2.1942 als Ministerpräsidenten einer Kollaborationsregierung eingesetzt, die Terboven untersteht. Zehn Tage nach der Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen rief Hamsun gar dazu auf, nicht den Widerstandsaufrufen des geflohenen norwegischen Parlamentssprechers zu folgen, weil dieser jüdischer Abstammung sei.

Nazifan. Seine Parteinahme für Nazi-Deutschland zeigt sich auch in Aufsätzen, in denen er neben Stalin und Churchill vor allem Roosevelt als "einen Juden im jüdischen Sold, den führenden Geist in Amerikas Krieg für das Gold und die Judenmacht" angriff. Ende 1941 setzte sich Hamsun mit einem Aufruf für die Aufstellung einer norwegischen Legion ein, die an der Seite der Wehrmacht gegen den "Bolschewismus" kämpfen sollte. Im Mai 1943 besuchte Hamsun den NS-Propagandaminister Goebbels der zum Dank Hamsuns Werke in einer Auflage von 100 000 Exemplare auf den deutschen Buchmarkt brachte. Im Gegenzug schickte Hamsun Goebbels seine Nobelpreismedaille. Einen Monat später traf Hamsun auch Hitler. Wie sehr Hamsun von Hitler begeistert war, gab er noch am 7. Mai 1945, einen Tag vor der Befreiung Deutschlands von Naziregime, zum Ausdruck. In einem Nachruf auf Hitler schrieb Hamsun: "Er war ein Kämpfer, ein Kämpfer für die Menschheit und ein Verkünder der Botschaft vom Recht für alle Völker. Er war ein Reformator von höchstem Rang, und sein historisches Schicksal war es, in einer Zeit beispielloser Rohheit wirken zu müssen, der er schließlich zum Opfer fiel. So müssen die Mitteleuropäer Hitler sehen. Wir jedoch, seine Anhänger, verneigen unser Haupt vor seiner sterblichen Hülle".

Mit 86 Jahren, nach zwei Schlaganfällen und beinah taub, wird Hamsun als Landesverräter verhaftet. Doch die Hemmungen, den alten, lange Zeit so bewunderten Mann zur Verantwortung zu ziehen und die ganze Unmöglichkeit seiner Haltungen amtlich festzustellen und zu bestrafen, ist groß. Norwegen will und kann sich weder Schuld noch Freispruch leisten. Man verlegt sich darauf, seinen Geisteszustand zu untersuchen, hält ihn in einem Altersheim und später in einer psychiatrischen Klinik fest. Es scheint als wolle man warten, dass sich das Problem mit seinem Hinscheiden selbst löst. Hamsun hat von dieser Zeit in seinem letzten Buch berichtet: "Auf überwachsenen Pfaden". Schließlich verurteilt ihn ein Schöffengericht zu einer Geldstrafe von 500.000 Kronen, die ihn finanziell ruiniert, die jedoch 1948 auf 350.000 Kronen reduziert wird.
 Link ➨        Knut Hamsun - Wikipedia
Wirkung. Wie kam ein solcher Geist zu einem Nobelpreis? wird man sich fragen. Am besten die Antwort Ossietzkys auf die Nachricht von Hamsuns Artikel gegen ihn: "Ich kenne ihn nicht als Menschen. Aber was für ein Dichter!" - Hamsun war Autodidakt, Selfmademan aus armseligen Bauernverhältnissen und riss nach fünf Schuljahren aus; trieb sich als Landstreicher herum, als Hausierer, Schuster, Holzfäller, Straßenarbeiter und Ladengehilfe. Ging zweimal nach Amerika und hasste danach den angloamerikanischen "Krämergeist" mitsamt der "geistlosen Demokratie" und der "Tyrannei der Frauen".

Und keine Frage, seine Bücher waren auch - wie man heute sagen würde - in der "Szene" gelesen und beliebt. Ähnliche antikapitalistische und Anti-Fortschrittshaltungen sind ja bis heute auch selbst bei "Linken" und natürlich "Ökologen" en vogue. Sätze aus seinem Landstreicher, die man so auch heute hören kann: "Der Mensch lebt nicht von den Banken und von der Industrie... Der Mensch lebt von der Erde, die ihn nährt, von der Luft, die er atmet, und von dem Wasser, in dem Fische schwimmen." Hamsun verachtete die Massen als Gleichberechtigte. Sein elitäres Führerdenken kam aus den weiten Wäldern, aus der harten Natur und dem Überlebenskampf. Der mündete damals leider im Faschismus: Hamsun jubelte nicht nur Hitler zu, rief die Norweger nicht nur dazu auf, sich nicht gegen die Nazi-Besetzung zu wehren: "Ich schicke meine Kinder nach Deutschland", schrieb er 1934, "sie sind dort in guter Hut und kehren gereift zurück." Der Älteste ging zur SS, der Jüngere erhielt an der Ostfront das Eiserne Kreuz, die Tochter versuchte mit Goebbels' Hilfe eine Filmkarriere in Berlin, und die Ehefrau Marie zog mit Propagandareden durchs Reich.
24.6.11/30.3.12/ 

Montag, 19. März 2012

Eine neue Zigarettenmarke spielt auf

Die Oper "Jonny spielt auf!" des Wieners Ernst Krenek wurde am 10.Februar 1927 uraufgeführt. Mehr als siebzig europäische Bühnen brachten "Jonny spielt auf" nach der Leipziger Uraufführung im Februar 1927 heraus. Allein in der Spielzeit 1927/28 gab es 421 Aufführungen an 45 deutschsprachigen Bühnen.

Die Österreichische Tabakregie schuf deswegen zwar die Zigarette "Jonny", für die Nazis war die Oper jedoch Symbol für die "Verniggerung des Abendlandes" und auch Österreich tat auf Druck der Heimwehr mit.

 Link ➨  
bei den Vorarlberger Naturfreunden: Kulturwanderung: 10. Februar
23.6.11/20.3.12

Samstag, 17. März 2012

Dorfgeschichten: Berthold Auerbach

In der Nacht des 23. Juni 1833 um 5 Uhr morgens wird Berthold Auerbach in München vom Brigadier Staringer verhaftet und polizeilich verhört. Damit begann als "Vorbestrafter" das Ende der Karriere als Rabbiner, damit wurde aus der Not ein Schriftsteller und ein neues Genre geboren.


Liberal. Eigentlich wollte der Sohn einer armen jüdischen Kaufmannsfamilie im Umfeld katholischer Landbevölkerung schon früh Rabbiner werden. Die Universität München zwangsexmatrikuliert den Burschenschafter zwar, doch darf er "gnadenhalber" sein Studium in Heidelberg abschließen. Am 12. Dezember 1836 wird Auerbach zu zwei Monaten Festungshaft auf Hohenasperg verurteilt. Am 8. Januar 1837 tritt er seine Strafe auf der Festung Hohenasperg an und am 8. März 1837 wird er nach Stuttgart entlassen.
Link ➨         Verhörprotokoll
Das Verhörprotokoll - dem wir dank amtlicher Genauigkeit das Wissen verdanken, dass er "gute" Zähne hatte, zeigt einen Studenten Moses Baruch Auerbacher, der geschickt alle konspirativen Verbindungen leugnete und alles, was er von den Liberalen und Verbindungen wissen wollte, nur aus der Zeitung erfahren haben will. In Berthold erwachte aber schon früh ein liberaler Geist, nicht nur in der Politik sondern auch in der Auslegung des Judentums. Vor allem bei Berthold ist zu bemerken, dass sein Sinn nach einer Integration des Judentums in die christliche deutsche Welt strebte, nach einem gemeinschaftlichen Zusammenleben in einem liberalen Nationalstaat. So war die Gründung des Nationalstaates im Jahr 1871 für ihn ein Ereignis von besonderer Bedeutung.
Link ➨         Kurzporträt / Kurzbiographie / Nachlass und Links zu Texten im Web
Mit der Festungshaft, war ihm jedoch als "Vorbestrafter" der Weg ins Rabbinat verschlossen und er wendet sich notgedrungen der Schriftstellerei zu. Berthold Auerbach war Mitte des 19. Jahrhunderts der populärste deutsche Schriftsteller, gehörte zu den meistgelesenen Schriftstellern Deutschlands. Er war in ganz Europa berühmt. Richard Wagner und Jakob Grimm lobten ihn, Turgenjew verglich ihn gar mit Dickens. Mit Keller unterhielt er eine rege Freundschaft.
Link ➨         Auf der Höhe: Roman in acht Büchern Von Berthold Auerbach
Neues Genre: Dorfgeschichten. Mit seinen ersten beiden Romanen zu explizit jüdischen Themen ("Spinoza", 1837 und "Dichter und Kaufmann", 1840) scheitert er. Erst 1843, als er in seinen Dorfgeschichten aktuelle jüdische Fragestellungen – wie die der gesellschaftlichen Marginalisierung – in den nichtjüdischen Bereich transponiert, gelingt ihm der Durchbruch zum Erfolg. Seinen Ruhm hatte sich Auerbach durch mehrere Bände Schwarzwald-Geschichten besonders in den Kreisen, in denen der deutsche "Salonroman" seine Zugkraft verloren hatte, erschrieben: In ihnen ging es um das einfache Bauernleben, doch die naiv erscheinenden und doch künstlerisch durchgearbeiteten Geschichten unterscheiden sich wesentlich von den fast zur gleichen Zeit erschienenen Dorfgeschichten von Jeremias Gotthelf. Bei Auerbach erfahren die sozialen Verhältnisse des Bauernlebens eine Idealisierung und damit Überhöhung.

Der Erfolg ermutigte ihn, auf seinem Weg der Bildungsromane weiterzuschreiten, und in der Folge brachte er einige ähnliche Werke heraus. Die Gattung, die Auerbach "modern" gemacht hatte, fand zunächst sehr viele Nachfolger. Schon der große Erfolg verlockte zur Nacheiferung. In Melchior Meyr ("Erzählungen aus dem Ries"), Rank ("Aus dem Böhmerwald"), Otto Ludwig ("Heiteretei") schritt die Dorfgeschichte weiter, bis sie in Anzengrubers "Dorfgängen" einen neuen Aufschwung nahm und in Fritz Reuters "Stromtid" ihren Höhepunkt erreichte. Später ist sie, nachdem Autoren wie Hansjakob, Ganghofer, Rosegger und andere sie mit Vorliebe weitergepflegt hatten, unter der Stichmarke der "Heimatkunst" abermals in große Mode gekommen.

Antisemitismus. Auerbach wurde wegen seiner Dorfgeschichten von einfachen wie gebildeten Leuten gleichermaßen geliebt. Doch wusste er das Lob, das ihm entgegengebracht wurde, richtig einzuschätzen: "Ich weiß es, wenn ich hinaustrete unter die Bauern, die Seele voll, Wohlwollen auf den Lippen, das einzige Wort Jud! würde sie von mir verscheuchen." Berthold Auerbach erfuhr während der Wirtschaftskrise in der Gründerzeit zahlreiche Ehrungen. Doch schrieb er 1876: "Rätselhaft ist mir der neu erwachte Furor teutonicus gegen die Juden. Ich möchte die Grundzelle finden. Besteht sie vielleicht darin, dass das Selbstgefühl der Deutschen jetzt erwacht ist?" Am 22. November 1880 diskutierte das preußische Abgeordnetenhaus einen Antrag auf Rücknahme des Gleichstellungsgesetzes, das den Juden in Deutschland gleiche Rechte zusicherte. Auerbach saß auf der Besuchertribüne. Tags darauf schrieb er: "Vergebens gelebt und gearbeitet."

Dabei können Berthold Auerbachs historische Romane (1837 "Spinoza", 1840 "Dichter und Kaufmann") heute als Paradigmata des deutschjüdischen historischen Romans und seiner Funktion im Rahmen des jüdischen Prozesses der kulturellen Standortbestimmung in der säkularisierten bürgerlichen Gesellschaft gelten. Auerbachs theoretische und programmatische Äußerungen aus der Zeit zeigen, dass seine beiden historischen Romane einem doppelten Impuls entspringen: Da ist zum einen der Versuch, jüdische Autoren gegen die Polemik zu verteidigen, mit der die Feinde der Jungdeutschen Bewegung jedwede demokratischen Bestrebungen als "jüdisch", das Junge Deutschland als "eigentlich ein junges Palästina" zu diffamieren versuchten. Um dieser Kritik die Grundlage zu entziehen, grenzt sich Auerbach entschieden von Heine und Börne ab, die er der "Einsperrung des Judentums in den Verstandesghetto" bezichtigt.

Mit seinen historischen Werken trug Auerbach zur "Erfindung einer Tradition" bei, einer neuen, säkularisierten Tradition, welche der akkulturierte jüdische Bevölkerungsteil in Deutschland dazu brauchte, um seine jüdische Identität mit den Normen der bürgerlichen Gesellschaft vereinbar erscheinen zu lassen. Sein schriftstellerisches Wirken als Jude wandte sich gegen die vollkommene Assimilation bis zur Konversion auf der einen Seite und Verharren in der jüdischen Orthodoxie mit entsprechender Vermeidung jeder Kontaktaufnahme mit der Mehrheitsgesellschaft auf der anderen.

Moses Heß. Bei Berthold Auerbach ist zu bemerken, dass er nach einer Integration des Judentums in die christliche deutsche Welt strebte, nach einem gemeinschaftlichen Zusammenleben in einem liberalen Nationalstaat. So war die Gründung des Nationalstaates im Jahr 1871 für ihn ein Ereignis von besonderer Bedeutung, und selbst der sich über das Land ausbreitende Antisemitismus in den 70er Jahren änderte nichts an seinen Auffassungen. Was die Religionsauffassung anbelangt, so ist eine Betrachtung der Beziehung zwischen Heß und Berthold Auerbach von Interesse. War Moses Heß in seinen revolutionären 1840er Jahren eher gleichgültig gegenüber seinem jüdischen Glauben, so wandelte sich sein religiöses Weltbild nach der "Verschmähung" durch seine ehemaligen sozialistischen Weggefährten Karl Marx und Friedrich Engels. Er wandte sich den Naturwissenschaften zu und bat Berthold Auerbach, ihm bei der Publikation eines Buches zu helfen (1856). 1845 war es zwischen den beiden zum Streit gekommen. Auerbach konnte sich nie mit der radikalen Einstellung von Heß identifizieren. In dem angesprochenen Buch, "Rom und Jerusalem" , das 1862 erschien, propagierte Heß die "Wiedergeburt des jüdischen Volkes" mit der "Konzentration in seinem Heimatlande", Wiederherstellung eines jüdischen Staates. Moses Heß gilt damit als Vorläufer, wenn nicht überhaupt als Begründer der jüdischen Nationalbewegung. Freilich muss sie in einen historischen Kontext gestellt werden: Mit diesem Ergebnis analysierte er die Judenfrage als - nach der Einigung Italiens und der erhofften Deutschlands - "letzte Nationalitätenfrage". Dabei ging er von der Überlegung aus, dass die Juden eine Schicksalsgemeinschaft bildeten, aus der man sich nicht nach Belieben ausgliedern könne: Jeder Jude ist solidarisch mit seiner ganzen Nation, gleichgültig, ob er wolle oder nicht. Diese Erkenntnis bedeutete eine Absage an jede Möglichkeit der Emanzipation und Assimilation und besagte, dass eine Lösung des Judenproblems nicht individuell, sondern nur an der gesamten jüdischen Nation erfolgen könne. Nachdem Auerbach jedoch die Hälfte des Manuskriptes las, das ihm geschickt wurde, zog er erschüttert einen endgültigen Schluss-Strich unter seine Freundschaft mit Heß: Sich selbst einen "germanischen Juden" nennend, wies er Heß Anschauung des Judentums zurück und weigerte sich, ihm bei der Publikation seines Buches behilflich zu sein.

In Moses Heß, dem "Kommunistenrabbi", wie der Weggefährte von Karl Marx und Ferdinand Lasalle von seinen Gegnern genannt wurde, begegnet man zu ersten Mal einer Mischung von ethischem Sozialismus und aufgeklärtem Nationalismus, die in der künftigen Entwicklung des Zionismus eine große Rolle spielen sollte. Während die deutschen Handwerksgesellen die sozialistischen Lehren der Fourieristen und Saint-Simonisten nach Deutschland brachten, bemühten sich deutsche Denker, den Sozialismus aus der deutschen Philosophie — aus Hegel und Feuerbach — zu deduzieren und einen deutschen Sozialismus zu schaffen. Der bedeutendste unter ihnen — bis zum Auftreten von Marx — war Moses Heß, der Pionier des Sozialismus im Rheinland.

Es war Heß, der gegen Ende 1842 Friedrich Engels und seinem Kreise den Kommunismus als die notwendige Weiterentwicklung der junghegelschen Doktrin plausibel machte. Heß war um jene Zeit Mitarbeiter der von Marx geleiteten "Rheinischen Zeitung". Im Winter 1842/43 reiste Heß nach Paris, wo er mit den Mitgliedern des Bundes der Gerechten zusammentraf. Dann schrieb er für die verschiedenen deutschen sozialistischen Zeitschriften, wurde 1846 bis 1847 Anhänger von Marx und schrieb 1847 in der "Deutschen Brüsseler Zeitung". Heß' Aufsätze lesen sich geradezu wie eine Popularisierung mancher Kapitel des Marxschen Kommunistischen Manifestes, das jedoch erst einige Monate später geschrieben wurde; sie sind höchstwahrscheinlich das Produkt der Vorlesungen, die Marx im Herbst 1847 im Brüsseler Arbeiterverein gehalten hatte und der Diskussionen, die hieran geknüpft worden waren.

Wie so mancher andere Vorkämpfer der Revolution stammte Heß aus gutbürgerlichen Verhältnissen; sein Vater besaß eine Zuckerraffinerie und stand nach 1840 der Kölner Jüdischen Gemeinde vor. Friedrich Engels war von Moses Heß für den Sozialismus gewonnen worden, bevor dieser und Marx sich trafen. Als Mitarbeiter der in Köln erscheinenden "Rheinischen Zeitung" kooperierte Heß 1842 dann mit dem Kreis um Marx und Engels ein, die mit dem "Mosi" aber später brachen. Nicht übersehen werden darf dabei auch der latente Antisemitismus auch unter den Sozialisten, der Heß erst oder auch zum Zionisten machte.

Dennoch ging Heß' Wendung zum Zionismus in vielem auf seine Begegnung mit dem Sozialismus zurück: Das Streben nach proletarischer Selbstbestimmung hatte der jüdischen ein Vorbild geliefert; auch den Geist des Judentums definierte Heß als sozialdemokratisch und legte nur den zuvor vertretenen Atheismus ab. So billigte der späte Heß dem Religiösen immerhin instrumentalen Charakter zu, um die jüdische Nationalität zu erhalten und schrieb in "Rom und Jerusalem", jüdische Religion sei vor allem jüdischer Patriotismus. Den jüdischen Staat wollte Heß daher auf sozialistische Grundlagen wie Gemeineigentum am Boden oder Schutz der Arbeit vor kapitalistischer Spekulation gestellt sehen. Welche Sprache das neue Staatswesen annehmen solle, schien ihm hingegen eher gleichgültig. Dass sich Heß hier ein Idyll ausmalte, zeigt auch seine Schwärmerei vom jüdischen Familienleben. Er hatte bereits als junger Mann eine christliche Prostituierte geheiratet. Moses Heß darf sowohl für den Zionismus als auch für den Sozialismus, Sozialdemokratie und die Spielarten des "religiösen Sozialismus" als "Gründerapostel" in Anspruch genommen werden. Die Wirkungsgeschichte der Ideen von Heß ist paradox. Einerseits inspirierten sie Marx, durch den sie in die theoretische Begründung des Kommunismus (z.B. "Entfremdung") eingingen, andererseits lebte Heß' ethisch gefärbter, demokratischer Sozialismus in der sozialdemokratischen Bewegung Deutschlands fort.
Link ➨         Berthold-Auerbach-Museum im Schloss            
Berthold Auerbach. Eigentlich hieß er Moses Baruch Auerbacher und wurde am 28. Februar 1812 in Nordstetten bei Horb geboren. Nach Talmudschule und Gymnasium studiert er in Tübingen jüdische Theologie, um Rabbiner zu werden. 1833 geht er nach München, besucht Vorlesungen Schellings und wird als Burschenschaftler wegen staatsfeindlicher Umtriebe verhaftet. Unter Polizeiaufsicht kann er sein Studium in Heidelberg fortsetzen, doch wird er 1836 zu zweieinhalb Monaten Festungshaft auf dem Hohenasperg verurteilt. Das Rabbineramt ist ihm damit verwehrt, und er wird freier Schriftsteller. 1843 hat er mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten großen Erfolg. In ihnen gibt er eine realistische Milieubeschreibung der bäuerlichen Lebenswelt. Am Beispiel seines Geburtsortes schildert er "ein ganzes Dorf vom ersten bis zum letzten Hause". Er beeinflusst damit u.a. Balzac, Turgenjew und Tolstoi, die ihn beide besuchen. Mit Erschütterung muss er gegen Ende seines Lebens den wachsenden Antisemitismus in Deutschland erleben. "Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein, und noch dazu ein Jude". Er stirbt am 8. Februar 1882 während eines Kuraufenthaltes in Cannes an einer Lungenentzündung.

Freitag, 10. Februar 2012

Hugo Ball

Am 5. Februar 1916 gründete der Poet und Philosoph Hugo Ball (1886-1974) als "Protest gegen den Wahnsinn der Zeit" in einer Züricher Bar das "Cabaret Voltaire" eine Mischung aus Nachtclub und Kunstsalon. Obwohl er nur sechs Monate bestand, breitete sich die dadaistische Idee international aus.


 Link ➨ 
Vorarlberger Naturfreunde: Kulturwanderung: 5. Februar
19.6.11/10.2.12

Donnerstag, 2. Februar 2012

Apocalypse Now: Herz der Finsternis

Am 24. Juni 1902 wirft Joseph Conrad versehentlich eine Öllampe auf dem Schreibtisch um, und die Lieferung seines Romans "Das Ende vom Lied" steht in Flammen. Im selben Jahr erscheint  sein legendärer Roman "Herz der Finsternis" ("Heart of Darkness"), Vorlage für "Apocalypse Now".

Herz der Finsternis. "Heart of Darkness" ist zuerst in einer Zeitschrift noch im 19. Jahrhundert erschienen, als Buch drei Jahre später, nämlich 1902. Joseph Conrad schildert in seiner weitgehend autobiografischen Erzählung realistisch, mit einfühlsamer Beobachtungsgabe und treffenden Formulierungen eine strapaziöse und gefährliche Reise nach Zentralafrika, in das "Herz der Finsternis" – eine Metapher für die Abgründe der eigenen Seele. Der Rahmen der Erzählung: Kapitän Marlow befindet sich auf einem Boot auf der Themse und erzählt seinen Zuhörern von seiner Reise ins tiefste Afrika mit einem alten Dampfschiff den Kongo hinauf. Er will den todkranken Kurtz, einen skrupellosen Elfenbeinhändler, aus dem Dschungel in die Zivilisation zurückbringen.

Es gelingt ihm die Konstruktion eines Mythos, einer Geschichte, die weit über die persönlich-aktuelle Ebene hinausgeht. Es geht dabei nicht um die Afrikaner, sondern um den Repräsentanten der Zivilisation, der in einer barbarischen Gesellschaft der Versuchung der Macht erliegt und sich zum König, ja schließlich zum Gott erhebt. Während dieses Prozesses verliert er jedoch die dünne Schale der Zivilisation und mutiert selbst zum "Wilden". Mit dem Überschreiten dieser Grenze - besonders in extremen Situationen - beschäftigte sich Conrad immer wieder. 1890 besuchte er am oberen Kongo das Grab von Major Edmund Musgrave Barttelot, dem Helden der britischen Armee und Sohn eines Parlamentsabgeordneten, der als Kommandeur von Stanleys Nachhut gerade zwei Jahre zuvor in sadistischen Orgien den Verstand verloren haben musste.
Im Gegensatz zu Edmund Morel, Roger Casement, Mark Twain oder Arthur Conan Doyle, die die Gräueltaten in Königs Leopolds Kolonie anklagten, interessierte sich Conrad mehr für die Psyche der Täter, die aus seinem eigenen sozialen Umfeld kamen. Und dabei gelang es ihm "den Schrecken" eindringlicher und dauerhafter zu vermitteln. Die Standard Literaturredaktion sagt es so: "Der Urwald wird hier zur Seelenlandschaft, zum undurchdringlichen Dickicht archaischer Begierden. Herz der Finsternis, ein Jahr vor Freuds Traumdeutung von 1900 erschienen, wirkt wie das literarische Erwachen des Unbewussten. Es ist ein grauenvolles Buch im Wortsinn: Das Grauen fällt den Leser an wie ein Raubtier aus dem Unterholz. Und das Schlimmste ist: Jeder trägt diesen Urwald in sich."
 Link ➨        Biografie Joseph Conrad bei Wikipedia
Ein König als Oberhalunke. Der Kongo als "Staatswesen" ist ein Produkt der Berliner Kongo-Konferenz von 1885. Durch Bestechung und Intrigen brachte König Leopold II. von Belgien zahlreiche europäische und amerikanische Zeitungen dazu, Lobeshymnen auf sein humanitäres Engagement zu publizieren. Durch falsche Versprechungen, etwa die Zusage, er werde den Kongo zur Freihandelszone erklären, durch listiges Taktieren und Ausspielen der Großmächte gegeneinander erreichte er es, dass am Ende der Berliner Konferenz vom Februar 1885 - an der weder ein Afrikaner teilnahm noch jemand, der Afrika bereist hatte - ein Abkommen unterzeichnet wurde, das ihm den Kongo als Privateigentum zusprach. Der Kongo wurde nicht einmal zur Kolonie Belgiens (dessen konstitutionelle Verfassung und das Parlament hatten gar kein Interesse daran) sondern zum Privateigentum des belgischen Königs!
Türkei gegen die christliche Mörderzivilisation. Am 23. Februar 1885 wurde die "Afrikanische Internationale Vereinigung zur Zivilisierung Afrikas" (dessen einziges Mitglied der belgische König Leopold II. war) durch die Teilnehmerstaaten an der Berliner Afrika-Konferenz als souveräner Staat anerkannt. Die westlichen (christlichen Staaten) stimmten zu, nicht jedoch das (islamische) Osmanische Reich, also die heutige Türkei!
 Link ➨        Artemis am Congo  
"Ganz Europa", so Charles Marlow in Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis" über den machtgierigen Elfenbeinlieferanten Kurtz, für den es viele reale Vorbilder gab, "ganz Europa war am Zustandekommen des Herrn Kurtz beteiligt gewesen." Wie es zu einem der grössten Menschheitsverbrechen kam und welchen Anteil die westliche Welt an dem Zerstörungswerk Leopolds II. und seiner Vasallen im Kongo hatte, darüber schweigen sich die, weche heute in Fortsetzung dieser Politik Truppen in den Kongo schicken, aus. Schon Leopold II. hatte für die Berliner Konferenz nicht anders als heute mit "humanen" Anliegen argumentiert: Es gelte, den "arabischen" Sklavenhandel zu unterbinden, die Wissenschaft zu fördern und "die Wilden" zu kultivieren.

Leopold II. von Belgien (verheiratet mit einer Habsburgerin) heuerte Söldner an und beutete den Kongo derart aus, dass sich die Bevölkerung unter seinem Regime um 10 Millionen Menschen halbierte. Dörfer wurden überfallen, und die Bewohner erhielten den Auftrag, eine bestimmte Menge Gummi zu sammeln, sonst würde das ganze Dorf niedergebrannt. Wer zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Als Beweis für den Verbrauch von Gewehrkugeln mussten die Truppen für jede verbrauchte Kugel die Hand des Opfers vorlegen. Die Hände wurden deshalb auch Lebenden abgehackt. Im Grunde funktioniert dies so bis heute unter den vom Westen unterstützten Diktatoren. Die Entsendung von Truppen zur Sicherung von freien Wahlen ist dieselbe Farce wie die Wahlen selbst. Den nach der Staatswerdung Kongos 1960 eingesetzten Präsidenten Lumumba, der eine politisch und ökonomisch unabhängige Politik betreiben wollte, brachte man dazu einfach um und setzte den dafür gedungenen Mörder als Präsidenten ein.
  Ein neuer Staat

Der Congostaat ist fertig nun,
Die Grenzen sind bestimmt;
Nun frägt sich's was zuerst zu thun,
Und wie man sich benimmt?

Ein Dutzend Klöster rasch erbaut,
Und diese auf der Stell'
Den Jesuiten anvertraut,
Das andere geht dann schnell

Schnell Congo-Rente emittiert,
Million auf Million,
Die Congo-Zeitung confiscirt,
Die erste Nummer schon.

Und schnell die Steuerschraube her
Drauf losgepresst geschwind,
Bis auch die Weißen kreuz und quer
Hübsch schwarz geworden sind.

aus "Humoristische Blätter" Wien, 8. März 1885

Die Berliner Kongo-Konferenz hatte Bedeutung weit über den Kongo hinaus und forcierte die Kolonialiserung und willkürliche Aufteilung Afrikas. Von da an gab es keine unkoordinierte Besetzung mehr, sondern durchdachte und gut organisierte Ausplünderung. Die Ausbeutung war nicht mehr sporadisch, sondern durch die Enteignung der autochthonen Bevölkerungen systematisch und permanent. Für Deutschland bedeutete de Kongo-Akte schlussendlich auch das "Tauschgeschäft" Sansibar gegen Helgoland, da sie auf Sansibar nach dem in diesem Vertrag festgelegten Effektivitätsprinzip nicht wirklich beherrschen konnten.

Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski. Der Autor Joseph Conrad (eigentlich Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski) wurde am 3.12.1857 als Sohn polnischer Landsleute in Berdiczew bei Kiew (Ukraine) geboren. Conrads Kindheit und Jugend standen unter dem Eindruck und dem Einfluss der Tatsache, dass sein Vater aus den Reihen der polnischen Freiheitsbewegung jener Zeit heraus verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung geschickt wurde. Ohne Zweifel sind in diesem frühen Erlebnis die Anfänge einer Entwicklung zu suchen, die Conrad aus der Heimat fort in seine Wahlheimat England führte, der er nach eigenem Bekenntnis alles Wesentliche seines Lebens verdankte und in deren Sprache - ! - er später das Werk seines Lebens erdachte und niederschrieb.

Mit Gattin & Sohn
Er besuchte das Gymnasium in Krakau und ging mit siebzehn Jahren nach Marseille, um Seemann zu werden. England lernte er erst drei Jahre später, im Jahre 1897, persönlich kennen. Als britischer Kapitän befuhr er die Weltmeere und bereiste den Kongo und die Malaiischen Inseln, Schauplätze seiner späteren Romane. Schon als Seeoffizier begann er zu schreiben. Als ein tropisches Fieber ihn zwang, den Seemannsberuf aufzugeben, ließ er sich 1894 als freier Schriftsteller in England nieder. Die englische Sprache, englisches Denken und Fühlen wurde ihm zur zweiten Natur. Eine entscheidende Wendung in seinem Leben brachte dann die Krankheit, die seiner Laufbahn zur See ein Ende setzte und ihn seinem wahren Beruf als Schriftsteller und Dichter zuführte. In den folgenden dreißig Jahren entstanden - oft unter großer materieller Not - die berühmten Romane und Geschichten dieses Autors, der, obwohl er die englische Sprache erst als Erwachsener erlernt, was die Hirnforscher noch heute beschäftigt, zu den großen Meistern der englischen Literatur zählt. Conrad starb am 3. August 1924 in Bishopsbourne/Kent.

Als die bedeutendsten unter den Werken Conrads seien genannt: "Lord Jim", "Nostromo", "Der Nigger vom Narzissus", "Sieg", "Geschichten vom Hörensagen", "Die Schattenlinie" und "Spiegel der See". In Deutschland wurde Conrad vor allem durch die in den zwanziger Jahren im Verlag S. Fischer, Berlin, erschienene Gesamtausgabe der Werke Conrads bekannt. Über seinen Lebensgang hat er selbst in der Autobiographie "Ein persönlicher Bericht" Aufschluss gegeben. Ebenso geschieht das in dem Buch der Erinnerung, das Jessie Conrad, die Gattin Conrads, mit dem Titel "J. Conrad As I Knew Him" veröffentlicht hat.


Apocalypse Now. Das "Herz der Finsternis"  regte Francis Ford Coppola zu seinem monumentalen Filmepos "Apocalypse Now" an. Dabei verlegte er die Handlung vom Kongo nach Vietnam und Kambodscha und von 1891 ins Jahr 1968: Ein Helikopter-Angriff zu Wagners Walkürenritt, brennender Dschungel und ein wahnsinniger General, einfach Apocalypse now! Das psychologische Kriegs-Drama ist einer der besten und berühmtesten Filme. Nur wenige wissen, dass für die Reise im Boot flussaufwärts und damit immer tiefer in die eigene Psyche Joseph Conrad mit "Herz der Finsternis" die Roman-Vorlage lieferte, die heute als eines der Initialwerke der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen wird.
23.6.11/3.2.12/ 

Mittwoch, 25. Januar 2012

Egon Schiele: Aus dem Gefängnis schnurstracks nach Bregenz

Am 25.1.1914 schrieb Egon Schiele über Bregenz: "Mir ekelte vor meiner früher so innig geliebten melancholischen Landschaft in Neulengbach. - es trieb mich als Gegensatz an die Grenze(!); ich blieb in Bregenz 1912 und sah nichts als den verschieden stürmenden See und ferne weiße sonnige Berge der Schweiz .- ich wollte ein neues Leben beginnen ..." ...

 Link ➨ 
Vorarlberger Naturfreunde: Kulturwanderung 25. Jänner
6.7.11/25.1.12/

Freitag, 6. Januar 2012

Afroamerikanische Sängerin in der Metropolitan Opera

Den ersten Auftritt einer schwarzen Sängerin in der New Yorker "Metropolitan Opera" (Met) feierte am 7. Januar 1955 die amerikanische Künstlerin Marian Anderson (1902–1993) in der Oper "Maskenball" von Guiseppe Verdi. Die institutionalisierte Rassentrennung hatte Risse bekommen.

Marian Anderson- Schubert- Ständchen D. 957 no. 4



 Link ➨ 
Vorarlberger Naturfreunde: Kulturwanderung: 7. Jänner
7.1.09/7.1.12/

Montag, 21. November 2011

Ohrfeige für Honecker

Bei einem amerikanischen Bombenangriff erlitt Ernst Busch am 22. November 1943 - Häftling der Nazis im Untersuchungsgefängnis Moabit - schwere Kopfverletzung und eine Lähmung der linken Gesichtshälfte. Trotzdem sang er weiter bis zu jenem Tag des Jahres 1961, an dem er Honecker geohrfeigt haben soll.

Zusammen mit vielen anderen deutschen Emigranten wurde Ernst Busch im Mai 1940, als die deutsche Wehrmacht in die Niederlande und Belgien einmarschierte, interniert. Bei einem Fluchtversuch wurde er an der Schweizer Grenze verhaftet, der Gestapo ausgeliefert und ins Berliner Gefängnis Moabit gebracht. Die Anklage gegen Busch lautete »Vorbereitung zum Hochverrat«. Es drohte ihm die Todesstrafe. Durch die Intervention von Gustav Gründgens erhielt er jedoch 1943 »nur« eine vierjährige Zuchthausstrafe.

Busch kann sich bei Gründgens revanchieren: 1945/46 erfolgt eine neunmonatige sowjetische Internierung Gründgens; im Prüfungsverfahren sagen zahlreiche Künstler, unter ihnen Ernst Busch, für Gründgens aus, so dass er im April 1946 entlassen wird. Busch kannte Gründgens bereist seit seiner ersten Theaterstelle in Kiel. Im Dezember 1921 spielte er mit Gustaf Gründgens in »Die letzten Masken« von Arthur Schnitzler beim Vereinigten Städtischen Theater in Kiel. 1929 hatte er Kabarett-Auftritte mit Grethe Weiser und Ernst Busch in der Nelson-Revue.

Ob die Ohrfeige aus der Hand von Ernst Busch Erich Honecker wirklich auch erhalten hat, darüber streiten sich die Leute. Die einen nennen es Legende, andere Verleumdung. Insider wollen jedoch wissen und insistieren hartnäckig darauf, dass er sich erlaubt hatte, Erich Honecker auf einer Parteisitzung zu ohrfeigen. Belegt ist zumindest, dass er der FDJ (Freie Deutsche Jugend) - deren Vorsitzender Erich Honecker von 1946 bis 1955 war - empfahl, ihn »am Arsch zu lecken«.


Seinen Zorn hatte man mit dem Wunsch hervorgerufen, anlässlich der Weltjugendfestspiele - für deren Organisation Honecker verantwortlich zeichnete - die Hymnen der beteiligten Länder abzuspielen. Busch sah verständlicherweise keinen Grund dafür, die Hymnen der damals faschistischen Diktaturen Spaniens und Griechenlands auf DDR Boden aufzuführen. Infolge der heftigen und zum Teil deftigen Auseinandersetzungen mit dem Zentralrat der FDJ, der Parteiüberprüfungskommission und der staatlichen Kunstkommission erhielt Busch zunehmend weniger Möglichkeit, als Sänger öffentlich zu wirken. Wegen zunehmender Krankheit sah sich - nach offizieller DDR-Version - Ernst Busch gezwungen, die Bühne zu verlassen. Jedenfalls wurde er mehr und mehr kaltgestellt und war nur noch auf Schallplatten zu hören.

Ernst Busch († 8.6.1980 in Berlin) wurde am 22. Januar 1900 in Kiel geboren. Ein Jahr nach Beginn des 1. Weltkriegs begann er eine Lehre auf der Kruppschen Germania-Werft als Werkzeugmacher und arbeitete dort u.a. als Facharbeiter im Ventilbau für U-Boote. Busch, der schon seit 1919 privaten Gesangs- und Schauspielunterricht genommen hatte, bewarb sich als Schauspieler beim Vereinigten Städtischen Theater in Kiel und bekam umgehend einen Vertrag. Im Dezember 1921 spielte er mit Gustaf Gründgens in »Die letzten Masken« von Arthur Schnitzler. Sein weiterer Weg führte ihn über das Stadttheater in Frankfurt/Oder (1924-26), die Pommersche Landesbühne (1926/27) zu Erwin Piscators Theater am Nollendorfplatz in Berlin. Dort hatte er seine Premiere in Ernst Tollers »Hoppla wir leben«. 1929 lernte er Hanns Eisler kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Busch und Eisler entwickelten sich zu einem überaus produktiven Gespann. Der eine brachte Texte ein, für die der andere die Melodien komponierte und ihn bei Auftritten oft am Klavier begleitete. Ab 1930 entwickelte sich die Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht.

Anfang März 1933, einige Tage nach dem Reichstagsbrand, emigrierte Busch in die Niederlande. Schon einige Tage später war er über Radio Hilversum mit dem »Kominternlied« und dem »Solidaritätslied« zu hören. Sein weiterer Weg führte ihn über Belgien, London, Zürich, Paris und Wien, nach einem Auftritt bei der 1. Arbeitermusik- und Gesangolympiade in Strasbourg im Juni 1935, schließlich in die Sowjetunion. 1937 fuhr er mit der Journalistin Maria Osten nach Spanien, um den Freiheitskampf vor Ort mit seinen Mitteln zu unterstützen. Nach seiner Ankunft im Sammellager der Internationalen Brigaden in Albacete fuhr Ernst Busch direkt nach Madrid zum Internationalen Kongress der Schriftsteller, an dem u.a. Ernest Hemingway, Andre Malraux, Michail Kolzow, Egon Erwin Kisch, Alfred Kantorowicz, Anna Seghers, Gustav Regler, Willi Bredel, Ludwig Renn, Hans Marchwitza und Bodo Uhse teilnahmen.

Nachdem Busch 1938 Spanien verlassen hatte, lebte er vorwiegend in Antwerpen, wo er nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 vom Vichy-Regime verhaftet und in den südfranzösischen Internierungslagern St. Cyprien und Gurs festgehalten wurde. Nach geglückter Flucht Ende 1942 wurde er Anfang 1943 an der Grenze zur Schweiz verhaftet, an die Gestapo ausgeliefert und nach Berlin verbracht. Die Anklage gegen Busch lautete »Vorbereitung zum Hochverrat«. Es drohte ihm die Todesstrafe. Durch die Intervention von Gustav Gründgens erhielt er jedoch 1943 »nur« eine vierjährige Zuchthausstrafe, die auch unter dem Gesichtspunkt ausgesprochen worden war, dass Busch während der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit am 22. November 1943 bei einem anglo-amerikanischen Bombenangriff eine schwere Kopfverletzung erlitt, die eine teilweise Gesichtslähmung hinterließ. Die Richter sahen für ihn keine Möglichkeit mehr durch Gesang Widerstand und kommunistische Propaganda zu betreiben.

Ungeachtet aller nachkriegsbedingten Widrigkeiten sind für Busch die folgenden Jahre eine Zeit außerordentlich produktiven, fruchtbaren und erfolgreichen Schaffens. In einer späten Notiz schätzt er die Jahre von 1945-1953 als seine »heroische Zeit« ein. 1946 arbeitet er beim Hebbeltheater Berlin, ab 1950 im Brecht-Ensemble des Theaters am Schiffbauerdamm und am Deutschen Theater als Schauspieler und später auch als Regisseur. Ernst Busch produziert in seiner »heroischen Zeit« etwa 150 Liedtitel. Und seine alte, noch in die Weimarer Zeit zurückgehende Idee, die Zeitgeschichte im Lied zu begreifen, krönt er mit der in den sechziger und siebziger Jahren geschaffenen »Chronik in Liedern, Balladen und Kantaten«. Dieses sein »Lebenswerk« kann sich sehen lassen. Es umfasst über zweihundert kommentierte Gesänge auf mehr als 45 Schallplatten. Es ist eine der wichtigsten Liedsammlungen des 20. Jahrhunderts.

Link ➨ 

Montag, 1. August 2011

Lale Andersen singt "Lili Marleen"

Am 2. August 1939 steht Lale Andersen vor dem Studio-Mikrofon. Der Tag wird ein historisch bedeutender werden: Sie singt "Lili Marleen" in der Vertonung von Norbert Schultze. Es wird das Lied werden, das Freund und Feind im II. Weltkrieg, manchmal auch als Perislfage, auf ihren Sendern hören wollen.

Norbert Schultze. Lale Andersen hatte schon 1937 eine Platte in der Vertonung von Rudi Zink aufgenommen. Im Simpl singt Lale Andersen erstmals "Lili Marleen" mit noch chansonhafter Melodie, der Text von Hans Leip ist großteils schon im 1. Weltkrieg entstanden. Die bekannte Melodie, die stärker einen Marschrhythmus betont, wird erst im darauffolgenden Jahr 1939 von Norbert Schultze komponiert. Erst diese Vertonung von Norbert Schultze, damals unter dem Pseudonym "Frank Norbert" machte das Lied zum Erfolg. Dabei war es keine Eintagsfliege des Komponisten: Neben Liedern und Chansons, deren bekanntestes "Lili Marleen" (1939) ist, schrieb Norbert Schultze Opernwerke wie "Schwarzer Peter" (1936) und "Das kalte Herz" (1943), das Musical "Käpt'n Bay-Bay"(1950) mit dem Evergreen "Nimm' mich mit, Kapitän auf die Reise" sowie über 50 Filmmusiken, darunter "Symphonie eines Lebens"(1943) und "Das Mädchen Rosemarie"(1957).

Link ➨     Lale Andersen

Aus der Sicht des erfolgreichen Komponisten muss die kolportierte Geschichte so nicht unbedingt stimmen: Der Durchbruch von "Lili Marleen" erfolgte im Sommer 1941, als dem gerade etablierten deutschen "Besatzungssender Belgrad" die leichte Muse ausging und man vom Reichssender Wien ein paar wenige Schallplatten erhielt. Darunter befand sich der Titel "Lili Marleen", den am 18. August 1941 ein Techniker mehr aus Versehen als aus Absicht nach den Nachrichten aufgelegt haben soll ("Superfrauen 10 – Musik und Tanz" von Ernst Probst). Wegen des darin enthaltenen Zapfenstreichs bringt es der Soldatensender Belgrad dann aber allabendlich zum Programmschluss um 22 Uhr. Das verhilft dem Lied bei Freund und Feind zu immenser Popularität, die sich in vielen Übersetzungen und Nachdichtungen – oft mit anti-nazistischem Inhalt – zeigt.

Link ➨     Anhören:  Lale Andersen - Lili Marleen - 1939

Lili Marleen
Musik: Norbert Schultze
Text: Hans Leip
1939


            Vor der Kaserne,
            Vor dem großen Tor,
            Stand eine Laterne
            Und steht sie noch davor.
            So woll'n wir uns da wiederseh'n,
            Bei der Laterne woll'n wir steh'n,
            Wie einst, Lili Marleen.

            Unsere beiden Schatten
            Sah'n wie einer aus,
            Daß wir so lieb uns hatten,
            Das sah man gleich daraus.
            Und alle Leute soll'n es seh'n,
            Wenn wir bei der Laterne steh'n,
            Wie einst, Lili Marleen.

            Schon rief der Posten:
            Sie blasen Zapfenstreich,
            Es kann drei Tage kosten!
            Kamerad, ich komm' ja gleich.
            Da sagten wir Aufwiederseh'n.
            Wie gerne wollt' ich mit dir geh'n,
            Mit dir, Lili Marleen!

            Deine Schritte kennt sie,
            Deinen schönen Gang.
            Alle Abend brennt sie,
            Mich vergaß sie lang.
            Und sollte mir ein Leid gescheh'n,
            Wer wird bei der Laterne steh'n,
            Mit Dir, Lili Marleen?

            Aus dem stillen Raume,
            Aus der Erde Grund,
            Hebt mich wie im Traume
            Dein verliebter Mund.
            Wenn sich die späten Nebel dreh'n,
            Werd' ich bei der Laterne steh'n
            Wie einst, Lili Marleen.

Unheroisch - undeutsch. 1942 warf das Propagandaministerium Lale Andersen "undeutsche Kontakte" zu jüdischen Emigranten in der Schweiz vor (Zwischen 1933 und 1937 gehörte Lale Andersen zum Ensemble des Zürcher Schauspielhauses. In diese Zeit fallen auch ihre dramatischen Studien bei dem deutschen Schauspieler Ernst Ginsberg (1904–1964), der nach seiner Emigration von 1933 bis 1962 Mitglied des Zürcher Schauspielhauses war). Aus Furcht vor einer Verhaftung nahm sie angeblich eine Überdosis Schlaftabletten. Nach der deutschen Niederlage bei der Schlacht von Stalingrad wurde "Lili Marleen" aus dem Programm des Soldatensenders Belgrad genommen. Das unheroische Lied statt der üblichen Durchhalte- und Kriegspropaganda ist Josef Goebbels schon lange ein Dorn im Auge und bei der Nazi-Propaganda verpönt. Doch selbst der Nazi-Propagandachef schafft es nicht, "Lili Marleen" so einfach aus dem Programm zu verbannen. Das Propagandaministerium verhängt zwar gegen die Sängerin ein Auftrittsverbot. Sechs Monate später wird das Verschwinden von Lale Andersen und "Lili Marleen" von der BBC bemerkt: "Ist es Ihnen aufgefallen, dass Sie dieses Lied schon lange nicht gehört haben? Warum wohl? Vielleicht deshalb, weil Lale Andersen im Konzentrationslager ist?", fragt der Sender. Die Nachfrage von BBC hat Wirkung: Im Mai 1943 darf Lale Andersen wieder beschränkt auftreten, "Lili Marleen" jedoch nicht mehr singen.

Link ➨     Lili Marleen - Noten

Propaganda. Auch die Soldaten der Allierten singen mit wachsender Begeisterung das Lieblingslied des Kriegsgegners. Lili Marleen wird zur Waffe im Propagandakrieg, Übersetzungen und Umdichtungen entstehen. 1944 erscheinen in Großbritannien und den USA erste lizensierte englischsprachige Versionen. Amerikaner denken bei Lili Marleen an Marlene Dietrich, nicht an Lale Andersen. Ab Herbst 1943 singt der deutschstämmige US-Star das Lied in einer kämpferischen englischen Übersetzung. Auch die Briten haben ihre eigene Lili Marleen: Die junge Sängerin Anne Shelton (1928 - 1994). Als "Sweetheart" der Soldaten konkurriert sie erfolgreich mit der Deutschen Lale Andersen. Dazu kommen noch propagandistische Fassungen von "Lili Marlen" für die heimlichen BBC-Hörer in Deutschland.

Link ➨     Free mp3: Marlene Dietrich - Lili Marlene - live (0,7 MB) 

Die bekannteste Umdichtung ist die von Lucie Mannheim, die von BBC während des Krieges gesendet wurde. In ihrer "Anti-Hitler-Version" persiflierte sie auf Lale Andersens Text:

Link ➨     Antifaschistische Persiflage auf Lili Marleen des BBC: Lucy Mannheim         

Hans Leip. "Lili Marleen", das von einem jungen Wachtposten handelt, wurde 1915 während des Ersten Weltkrieges von dem jungen deutschen Schriftsteller und Grafiker Hans Leip (1893–1983) auf dem Weg zur Ostfront getextet. Er schrieb das "Lied eines jungen Wachtposten" für seine Freundin und die seines Kumpels, die "Lili" und "Marleen" hießen. Erst 1937 veröffentlicht er die Zeilen in seinem Gedichtband "Die kleine Hafenorgel".


Lale Andersen. Lale Andersen wird am 23. März 1905 unter dem Namen Lise-Lotte Helene Bunnenberg in Bremerhaven geboren. Schon als 19jährige heiratet sie in ihrer Heimatstadt den Maler Paul Ernst Wilke, mit dem sie drei Kinder hat. Sie lässt sich als Sängerin und Schauspielerin ausbilden. In Varietees und Theatern singt sie Chansons von Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky, aber auch Hafen- und Seemannslieder. Bis 1938 tingelt sie mit langsam zunehmenden Erfolg durch Deutschland, Auftritte in der Schweiz kommen hinzu. München und das Künstlerlokal "Simpl" bilden am ehesten noch einen Lebensmittelpunkt. Auch der Künstlername Lale Andersen entsteht in dieser Zeit. Den Durchbruch unter dem Künstlernamen Lale Andersen schafft sie am berühmten Kabarett der Komiker. Nach dem Krieg muss sie vorerst wieder durch die Provinz tingeln. 1959 feiert sie ein glanzvolles Comeback mit einem Hit, mit dem sie in Deutschland sogar die Originalinterpretin Melina Mercouri übertrifft: "Ein Schiff wird kommen", die Titelmelodie aus dem Film "Sonntags nie". Doch es wird immer "Lili Marleen" sein, die für ihren unvergänglichen Ruhm sorgt. Das zeigt sich auch 1969 in einer Umfrage der Londoner "Times", bei der sie noch zu ihren Lebzeiten in die Liste der bekanntesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts eingereiht wird. Am 29. August 1972 stirbt sie im Alter von 67 Jahren in einer Wiener Privatklinik an Herzversagen und wird, ihrem Wunsch entsprechend, auf der Nordseeinsel Langeoog beigesetzt.