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Samstag, 26. Dezember 2015

[ #literatur ] Allen Ginsberg: Howl

San Francisco, 13. Oktober 1955. In einer ehemaligen Autowerkstatt, welche sich "Six Gallery" nennt, findet eine Lesung statt. Allen Ginsberg tritt zur ersten öffentlichen Lesung seines Gedichts "Howl" ("Das Geheul") an. Der exaltierte Vortrag des 29jährigen löst Begeisterungsstürme aus.

Howl. Mit dem legendären Auftritt in San Francisco am 13. Oktober 1955 hatte alles begonnen. Lawrence Ferlinghetti, sein späterer Verleger, schickte ihm am Tag danach ein Telegramm: "Ich grüße Dich am Beginn einer großen Karriere." Allen Ginsberg erlangte mit diesem ersten öffentlichen Gedicht eine Berühmtheit, die bis heute, auch nach seinem Tod, anhält. Wie kein zweiter Text wurde "Howl" zum Ausdruck für den Beat, für Flower-Power, für das Lebensgefühl der rebellischen Jugend in den fünfziger und sechziger Jahren. Der Gedichtband löste bei seinem Erscheinen im Jahr 1956 gar einen Skandal aus und wurde beschlagnahmt. Sein Verleger kam wegen des Verkaufs "obszöner Literatur" vor Gericht. Der Prozess, der mit einem Freispruch endete, verhalf dem Autor und seinem Buch zu ungeheurer Popularität. Aber nicht der Vorhalt, dass Ginsberg in diesem Gedicht obszön sei, hatte diesen Skandal bewirkt, sondern die Verknüpfung des Obszönen mit der Sphäre des Heiligen und Religiösen. Die Protagonisten in "Das Geheul" treten als Heilige der neuen Zeit auf, weil sie die Missstände in der Gesellschaft nicht verdrängen, sondern sich mit ihnen identifizieren. Manche Rezensenten nennen den Text deshalb auch "sakral".

Das Lang-Gedicht beschreibt die Hölle des Molochs Amerika, die Hölle der Eisenhower-Präsidentschaft, der Atombombe, des kalten Kriegs, der Intellektuellenhatz McCarthys. "Ich sah" – beginnt die berühmte erste Zeile, eine Katastrophenmeldung – "die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie im Morgengrauen sich durch die Negerstraßen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze ...". Was folgt, ist ein apokalyptischer Trip durch die Nachtseiten New Yorks und des American Dream, eine Wehklage, ein zorniger Aufschrei gegen die gefühllose, inhumane, bewusstseinstötende Welt des Kapitalismus. Gleich einer Jazz-Improvisation, artikulieren der 1. und 2. Teil die anonymen Schicksale der unter die Räder Gekommenen, der Drogensüchtigen, Alkoholiker und Obdachlosen, der Künstler und Homosexuellen. Im dritten Teil wird der Blick auf den in Rocklands Irrenhaus einsitzenden Carl Solomon gerichtet. Er, dem das Gedicht gewidmet ist, ist das beispielhafte Opfer, das Lamm, das wegen seines abweichenden Verhaltens aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Der 4. Teil spricht all diese Ausgestoßenen schließlich quasi heilig: "Heilig das Vergeben!" – so der versöhnliche Schluss – "Barmherzigkeit! Nächstenliebe! Glaube! Heilig! Unser! Körper! Leiden! Großmut! Heilig die übernatürliche extra brillante intelligente Güte der Seele!"

Carl Solomon. Der unmittelbare Anlass des Gedichts war die Nachricht, dass Carl Solomon, den Ginsberg beim ersten Aufenthalt in einer Irrenanstalt kennen gelernt hatte, neuerlich interniert worden war. Carl Solomon war beeindruckt von Artauds Buch über van Gogh, ("Der Selbstmörder durch die Gesellschaft") in dem Artaud jede Art von Psychiatrie heftig angreift. Dem zufolge sind psychisch Kranke in Wahrheit besonders begabte Menschen, die mit ihrer größeren Sensibilität die gesellschaftlichen Vorurteile besser durchschauen. Von Solomon hört Ginsberg: "Irrenanstalten sind Einrichtungen, um geistig Gesunde in den Wahnsinn zu treiben." Diese Behauptung wird ihre Auswirkungen auf Allens weiteres Schreiben haben.


Flower Power. Die Lyrik dieses Popstars, von dem der Reim "Flower Power" stammt, gehört zu den wichtigsten literarischen Dokumenten der "Beat Generation". Dazu zählt auch Jack Kerouacs Roman "On the Road", der Bericht über die Reise einer Gruppe junger Männer durch Amerika auf der Suche nach einem schnellen und wilden Leben. Während Kerouac jenen alternativen Lebensstil feiert, den zeitgenössische Kritiker einen "neurotischen Hunger nach Sensationen und Erfahrungen" nannten, listet Ginsberg die Kosten dieser Lebensform auf. Er überträgt darin Kerouacs Programm der "spontanen Prosa" in die Lyrik. Sein Publikum, die junge amerikanische Boheme der fünfziger und sechziger Jahre, findet sich darin wieder. Es ist beeindruckt von der radikalen Offenheit, mit der Ginsberg über die eigenen Empfindungen und Erfahrungen schreibt. Er bricht Tabus, um Anklage gegen eine menschenfeindliche Welt zu erheben.

Es ist ein Bericht über den "Krieg", den Krieg der Normalität gegen das kreative Potenzial des Landes. Amerika, das erst einen Krieg gewonnen hatte und den Verlierern großherzig wieder auf die Beine half, begann einen getarnten Bürgerkrieg gegen seine Dissidenten, den es auf der Ebene der Institutionen scheinbar gewinnen sollte. Die berüchtigten Ausschüsse des Eugene McCarthy etwa säuberten erfolgreich Hollywood. Doch dabei begann für die nachrückende Generation der Druck zu einer anachronistischen Normalität unerträglich zu werden. Auch unter dem Eindruck der Atombombe formierte sich eine informelle Jugendbewegung, die letztlich das amerikanische Jahr 1968 ermöglichte. Eine in sich durchaus heterogene Fraktion dieser Jugendbewegung nannte sich die "Beat Generation", Beat im Doppelsinn gemeint: eine "geschlagene" Generation, die zur Anpassung unfähig war und ihr Lebensgefühl aus dem "Beat", der Musik der ausgegrenzten Schwarzen, bezog.

Als Geburtsstunde der Beatbewegung gilt heute ihren Chronisten vielfach das Jahr 1944, als sich Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs an der Columbia University in New York begegneten. Die drei sahen sich als Vordenker einer neuen literarischen Richtung, die sich jedoch schnell verselbstständigte und bald literarischer Ausdruck eines Trends wurde, der über die Welt der Literatur hinausreichte. Aus der anfangs subversiven, antibürgerlichen Bewegung wurde ein Lebensgefühl, und das konservative Establishment sollte die jungen Autoren schon bald als Stars der amerikanischen Kunst- und Literaturgeschichte feiern. An den Akademien und Universitäten stieß die Beat-Literatur jedoch zunächst auf Ablehnung. Das FBI beobachtet Allen Ginsberg jahrelang, weil es in ihm eine Gefahr für das öffentliche Leben sah.

Allen Ginsberg. Er wurde am 3. Juni 1926 in Newark im US-Bundesstaat New York geboren. Er studierte Jura an der Columbia University, wechselte später zur Literatur. Allerdings verbrachte er viel Zeit in einem Freundeskreis, in dem Drogen, Kriminalität und Sex genauso gehuldigt wurden wie der Literatur. Trotzalledem: Er erhält schon während des Studiums einen angesehenen Lyrikpreis. Angesichts des Treibens in seinem Freundeskreis wurde er von der Uni verwiesen. Er blieb in New York, tauchte gleichermaßen in die Drogen und die Schwulenszene ein. Als etliche aus seinem Freundeskreis dann auch noch verhaftet wurden, kehrte er zu einem "normalen" Leben zurück. Er erklärte sich für heterosexuell und nahm eine Stelle im Marketing an. Das änderte sich aber bald wieder. Er traf Carl Solomon in einer Psychiatrie. Darüber fand er Zugang zu einigen New Yorker Autoren. Er selbst hatte bis dahin schon einiges geschrieben, aber kaum veröffentlicht. Erst die aufsehenerregende Lesung seines Buchs "Howl" sollte in Folge alles ändern.

Allen Ginsberg gehört seitdem zu den schillernsten Wortführern der Beatbewegung. Seine Gedichte spiegeln sein Leben wider: Homosexualität, Drogenerfahrungen und Außenseitertum. Daneben geht es um den Vietnamkrieg, soziale Ungerechtigkeit, Religion, das Altern und schließlich den Tod. Dem Buddhisten und dem Juden, dem Visionär und dem Zeitkritiker, dem Patrioten und dem Bürgerschreck, dem Prediger und dem Propagandisten der freien Liebe, dem enfant terrible und dem Umweltschützer, dem Drogenesser und dem gay activist, dem Pazifisten und dem PR-Manager seiner selbst dienen literarischen Vorbilder, die er in seinen Gedichten auch nennt: Dante, William Blake, Arthur Rimbaud, Walt Whitman, William Carlos Williams und T. S. Eliot. Klang und Rhythmus seiner Gedichte deuten oft auf den frühen Jazz mit seinen "hot rhythms" hin.

Er wurde aus Kuba und aus Prag rausgeschmissen, sorgte für Aufregung in Indien und war ein steter Dorn im Fleisch der amerikanischen Rechten, insbesondere während des Vietnamkriegs. Trotzdem hat sein Werk den politisch-subversiven Beat-Pop-Autor zu einem anerkannten Klassiker gemacht - womöglich gegen seinen Willen. Als sich das soziale Klima des Landes änderte, wurde Allen Ginsberg wurde ein anerkanntes Mitglied der American Academy of Arts and Letters und Lehrer an verschiedenen Universitäten und Instituten. Der einstige Gegenspieler der etablierten Kultur war ins kulturelle Establishment aufgestiegen.

Allen Ginsberg erlag am 5. April 1997 in New York City dem Leberkrebs.

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